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Turbokapitalismus

Vancouver ist ein unaufgeregter aber gewaltiger Spielautomat mit einem riesigen Münzschlitz. Eine Stadt mit gutem Mundgeruch an der Hand eines gut gebauten und unnahbaren Portier, der freundlich aber bestimmt die Hand aufhält. Den üblichen Kurs winkt er ab. Nix, da kommen noch Steuern und Trinkgeld oben drauf. Jede Menge Holz also! Was die Kanadier ja zu genüge haben. „Ja, Holz!“ lacht Peter. „Davon haben wir genug!“ Er arbeitet für ein Magazin, das die neusten Neuigkeiten aus dem Abholzungsbusiness zusammenstellt. Ich will ihm das natürlich nicht glauben. Ein Kanadier im schwarzrotkarierten Flanellhemd schreibt für eine Säge-Zeitschrift. Das ist zu dick!
Grinsend drückt er mir die neuste Ausgabe von TimberWorld in die Hand. Schon das Deckblatt macht klar, dass es sich hier um schweres Geschütz für grobschlächtige Männerarbeit auf schweißgestränktem Waldboden handelt. Das ist natürlich so spannend wie sieben Stunden Lateinnachhilfe im Hochsommer, wirft aber Geld ab. Um die Gewinnmaximierung bei völliger Zeitausschöpfung auf die Spitze zu treiben, arbeitet Peter abends bei einem Catering-Service. Nordamerikanischer Kapitalismus also! Diese Woche fällt sein Kollege aus Bockgründen kurzfristig aus und da mein Outgo-Income-Verhältnis momentan sehr unausgewogen ist, springe ich ein. „Da gibt es immer hübsche Frauen zu begucken!“ zwinkert mir Peter zu. Ja, Mensch, denk ich da. Wenn das so ist. Mädchengucken fand ich ja schon immer gut. Und denen im Laufe des Abends ein zwei Prosecco unterjubeln, das kann ich. Sogar auf Englisch. Take it!
Wir treffen uns um vier in der Küche des Catering-Services. Ich werde der Belegschaft und dem Chefkoch vorgestellt. Der bietet mir standesgemäß das Du und etwas zu essen an. Das ‚Du’ ist natürlich nur gefühlt – gibt ja kein Duzen oder Siezen im Englischen, klar - aber das Reisragout ist echt. Ich pack mir was ein. „Für den Weg!“ wie Peter erklärt und löffelt kaum abgefüllt das kalte Gericht aus der Pappschachtel.
Heute soll eine Modeboutique eröffnet werden. „Jo!“ ellbogt mich Dan, der Zweite im Bunde von links an. Ich grinse blöde und als sei das noch nicht genug, zwinkere ich ihm kumpelhaft zu. Jo! Ich Vollidiot. Fehlt noch der aus der Hüfte abgefeuerte Zeigefingercolt. Insider sorgen für ein gutes Arbeitsklima, versuche ich mich bei mir zu entschuldigen, das weiß doch jeder. Modeboutique für Frauen, also!
„It`s not far from here!“ erklärt die Projektleiterin vom Vordersitz nach hinten auf die Rückbank. „Okay!“ sag ich. Mehr fällt mir beim besten Willen nicht ein. Das scheint keinen zu stören.
Nach einer knappen Stunde biegen wir links vom Highway auf ein Malstrip-Gelände ab. Hier irgendwo soll es sein. Irgendwer im Auto sagt „Awesome“. Aber das sagt sowieso ständig jemand. Ist ja auch alles awesome. Dass ich aus Deutschland komme – awesome. Dass bald die WM losgeht – awesome. Dass die Olympiade gerade vorbei ist und sowieso awesome war – awesome. Dass ich noch nie für ein Catering-Service gearbeitet habe – awesome. Dass ich Kanada ziemlich awesome finde – awesome. Dass ich mir für die heutige Arbeit ein schwarzes Hemd leihen konnte – awesome und jetzt eben angekommen an der Modeboutique – awesome.
Der Wagen kommt vor einer breiten Ladenfront zum stehen und wackelt im Stand noch sanft nach wie ein Waldmeisterpudding, der auf dem Küchentisch abstellt wird. Über der Ladentür scheint eine verschnörkelte Leuchtschrift „Fame Fashion“. Vor der Tür die ersten Gäste! Ich reiße die Augen weit auf, um das ganze Ausmaß erfassen zu können. Ich linse rüber zu Peter und dann zu Dan. Auch deren Pupillen sind groß wie Plattenteller. Modische Mode für mollige Mädels! Irgendjemand sagt ‚Fuck’.
Die Ladenbesitzerin lotst uns zum Hintereingang. Wir laden aus. Kleine cremige Fleischhäppchen mit Citronsahne-Topping, mundgerechte Kuchenstücke und Caramelgebäck. Alles drapiert auf dünnen, ovalen Silbertabletts. Kleine Servietten Rahmen dieses kalorienbombastische Stillleben. Die folgenden fünf Stunden sind schnell erzählt. Drei Männer und eine junge Dame, die zusammen etwa 300 kg auf die Wage bringen, halten silberne Tabletts in die Runde.
„Oh, I shouldn´t! Okay just one, but don´t tell anybody.“ argumentieren die Kundinnen auch noch beim fünften mal, wenn ich mit dem Tablett an ihnen vorbeistreife. Manche erkundigen sich nach den einzelnen Häppchen, ob mit oder ohne Schokolade, Fisch oder Fleisch und nehmen dann aber doch von allem etwas und das gerne mehrmals. Um die Tabletts wieder aufzufüllen, muss ich an den Umkleidekabinen vorbei, aus denen nicht selten ein ‚Awesome’ oder ‚It looks beautiful’ schallt.
Da steh ich nun voll examiniert im Fame Fashion und verteile unzählige Kalorien an übergewichtige Nordamerikanerinnen. Schon klasse so ein Examen!
Nach fünf Stunden ist die Eröffnungsfeier beendet. Und es ist gut gelaufen, erklärt uns die Filialleiterin. Die Kundschaft hat über das reichhaltige Sweetiesangebot das Geldausgeben nicht vergessen und auch noch was für die gestresste Belegschaft übrig gelassen.
Knapp die Hälfte meines verdienten Geldes wird am gleichen Abend in den großen Münzschlitz der lokalen Unterhaltungsindustrie geworfen. Die andere Hälfte investiere ich in ein zu großes, schwarzrotes Flanellhemd.
5.8.10 14:30
 


bisher 3 Kommentar(e)     TrackBack-URL


I shouldn\'t / Website (16.8.10 14:49)
awsome mucho.


(15.10.10 10:01)
Stimmt


onkel / Website (21.5.11 06:45)
würde schwer dafür stimmen, hier noch mal was zu lesen.

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