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Nudelsalat im Dezember

Der Bund kneift unangenehm an meinem rechten Oberschenkel. Ich streich über das Hemdchen und lasse meine Hand in meinem Schoß liegen. Es ist schon 12 Uhr und mein Magen knurrt wie ein geiles Kätzchen. Die Tür schwingt auf und die Schwester kommt rein. „So, Herr Becker, na, Hunger? Die nehmen sie jetzt mal mit einem kleinen Schluck Wasser.“ Sie legt mir eine kleine Pille auf den Beistelltisch. Soll ich jetzt denken, dass die Pille gegen Hunger hilft, oder was? Ich blicke auf. Mein Zimmergenosse, den ich noch nicht zu Gesicht bekommen habe, sei noch im Aufwachraum, erklärt mir Schwester Ruth. Und sie heißt wirklich Ruth. Steht auf ihrem Krankenhausnamesschild, das neben dem Namen auch ein rundes Krankenhauslabel schmückt. Beide Ruths, die ich kenne, sind im Gesundheitsgewerbe aktiv. Dazu kommt noch, dass in verschiedensten medialisierten Arztangelegenheiten (Heinz Strunk „Aafingers“, der Kommandeur „Im Kreissaal hört alles auf mein Kommando“, etc.) immer eine Schwester Ruth protagonisiert. Und jetzt hier in echt! Erstaunlich, aber egal.
„Was ist das denn für eine Pille?“ erkundige ich mich bei ihr. „Das ist die Scheißegalpille. Dann wird die Spinalanästhesie und die OP nicht so schlimm. Da merken sie nix und sind doch dabei!“ „Hammse die aus Holland.“ witzel ich unbeholfen. „Hä?!“ „Ach, nix!“ Ich kipp Pille und Wasser. Schwester Ruth nickt. „Na, dann bis gleich.“ Sie geht und ich forsche nach Symptomen der Pille. Klasse, Drogen unter ärztlicher Aufsicht! Jetzt bloß nichts verpassen! Plötzlich geht die Tür wieder auf und ich schrecke hoch. Eine gute Stunde ist vergangen. Ich bin eingeschlafen. Scheiße! Beduselt guck ich mich im Zimmer um, das überraschend unter mir hinweggleitet. „Jetzt bleibense mal liegen!“ Schwester Ruth drückt mich zurück in eine liegende Position. Ein Zivi schiebt mich aus dem Zimmer und durch den Flur. Seine Schuhe quietschen auf dem Linoleumfußboden. Ich schlafe wieder ein und wache in der Schleuse wieder auf. Über eine Art Supermarktkassenband werde ich aus meinem warmen Bett auf einen kalten Stahltisch gefördert. Bekifft auf der Zeche Zollverein. Ich grinse. Um mich rum stehen zwei Schwestern und zwei Ärzte. „Moin!“ nick ich in die Runde. Schwester Ruth drückt meine Hand. „Ich bin nur für sie da, Herr Becker. Machen sie sich keine Sorgen.“ „All righty!“ Da drängt sich der Anästhesist ins Blickfeld. „Herr Becker, wie geht es ihnen!“ „Och, soweit...“ „Ausgezeichnet! Ich würde sagen, sie entspannen sich mal ein bisschen!“ Er drückt eine Spritze in meine Kanüle. „Es geht schon.“ Ich soll mich zusammenrollen. In dieser Rollmopshaltung schieben die Herren des Saals dann eine lang Spritze ins Mark. Ich spüre fast nix, aber immer noch viel zu viel. Dann bin ich erstmal weg.
Andi riet mir im vorhinein die Spinalanästhesie, bei der der Körper ab der Hüfte abwärts gelähmt ist, für neue Körpererfahrungen zu nutzen. „Geh dir dann mal mit beiden Händen an den Sack. Alter, das ist nicht die fremde Hand! Das ist der fremde Pimmel. Oberkrass, Alter! Ich sags dir!“
Jemand zieht an meinem Bein, so dass ich wieder halbwegs zu mir komme. Das Bein merkt davon nichts. Mein ganzer Körper wird ruckweise nach unten gezogen, so dass mein Kopf nickt. Jemand flucht. Ich denk an Andi und lang mit beiden Händen unter mein OP-Hemdchen. Zwei Gesichter schieben sich ins Bild. „Na, da ist aber jemand wieder wach.“ Freut sich Schwester Ruth und fingert an meiner Kanüle herum. Während meine Finger etwas warmes, wurstiges umspielen, versuche ich zu grinsen. Es funktioniert nicht und ich versuche es noch mal. Irgendwie hatte ich gehofft, das ganze hätte etwas mit intimer Selbsterfahrung zu tun, stattdessen fühle ich mich wie eine Wurstfachverkäuferin. Und noch eine Scheibe Fleischwurst für den Kleinen? Mein Pimmel zeigt sich auch unbeeindruckt von meiner Bearbeitung im Gegensatz zum Anästhesisten. Der übernimmt stirnrunzelnd Ruths Platz. Auch das Geziepe an meinem Bein hat aufgehört und immer mehr Menschen scheinen Bekanntschaft mit meinem Gesicht machen zu wollen. Sie gucken abwechselnd mich und dann wieder ihre Kollegen an. Ich lass meinen Pimmel los. Eine junge Schwester, die ich bisher nicht kennen gelernt habe, grinst. Ich versuche auch zu grinsen und es funktioniert. Die Ärzte nicken sich zu und schicken mich wieder ins Abseits, bevor wir uns einander vorstellen können. Ich wach erst wieder an der Supermarktkasse auf. „Alles gut gelaufen!“ kommentiert Schwester Ruth meinen Versuch den Kopf zu heben. „Jetzt sollten sie erstmal ausschlafen.“ Ich werde in den Aufwachraum geschleust und neben einer alten Oma geparkt, die so laut schnarcht, dass ich mich wundere, dass sie bei dem Lärm schlafen kann. Ich kann es nicht und liege drei Stunden unbeweglich da. Alle fünfzehn Minuten kommt jemand und rät mir zum Schlaf. Meine Beine sind taub, wenn ich mit meinem Pimmel spiele wird mir schlecht und die Platten an der Zimmerdecke hab ich schon fünf Mal gezählt. Es sind 23.
Morgen ist Weihnachten.
12.2.10 16:55
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


me. / Website (20.2.10 15:21)
und uebermorgen ist ostern ;-)

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