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Profilneurose

Web2.0
Klar, da ist schon viel drüber geschrieben worden. Schlimm hieß es da. Aufgabe der Privatsphäre! Eine ganze Generation stellt Intimitäten ins Netz und setzt damit einen stattlichen Haufen auf die Antivolkszählungsdemos der Eltern! Dududu, zeigefingerte das nationale Zeitungsgewissen. Großes Rätselraten an allen Fronten der alten Medien, ob das mal ein gutes Ende nehmen könne.
Zwei, drei Jahre später scheinen sich alle wieder eingekriegt zu haben. Merkel und Obama bloggen über ihre internationalen Kumpelschaften und versuchen junge Wähler anzugruscheln. Eltern stehlen ihren Kindern auf Facebook nach. Führende Feuilletons erklären ihren verbeamteten Lesern im verständlichen Sparkassendeutsch wie der Vatter im gehobenen Dienst durch penible Dauerdokumentation zum virtuellen Dandy aufsteigt. Und Freunde meiner Eltern bitten mich um Facebook- oder StudiVZ-Freundschaften.

Jetzt weiß ich, dass Ralf (52, Jahrgang oder Alter, ist egal) heute einen schweren Tag hatte – puh – aber morgen zum Entspannen für ne Woche nach Westerland reist. Hat er sich verdient, meint Gabi und schickt noch ein hirnverbranntes Smily hinterher. Klar will sie „Beweisfotos“! Wollen wir doch alle, Ralf! Die 103 Fotos starke Dokumentationsbatterie wird noch auf dem Eiland hochgeladen. Da sitz also dieser Ralf auf seinem Hotelzimmer irgendwo auf Sylt und anstatt seine Nase in den salzigen Wind zu halten oder ein Bier zu trinken oder seine Freundin zu ficken, lädt er Bilder hoch. Sansibar, Gosch, Wind, Wellness. Da war er wohl dabei. Krass, Ralf! Und das will er uns doch sagen, wie oberkrass er ist. Oberkrass, Ralf!
Aber eigentlich ist mir Ralf auch egal. Soll er machen, was er will. Für den einen der Dandy für den anderen das Würstchen! Mir sind alle Ralfs dieser Welt egal!

Was mich wirklich nervt, ist, dass man einmal angemeldet, stetig zum Teilhaben an fremder Leben genötigt wird. Man könnte ja was anderes machen. Macht man aber nicht! Bei der sonntäglichen Exekution in Frankreich des 16. Jahrhunderts haben sich bestimmt auch alle aufgeregt, dass man sich das eigentlich nicht mehr antun müsse und am nächsten Sonntag waren alle wieder da.
Konkret zwingt mich dieses Plattformgesurfe ständig die Lebensläufe der Frauen zu sehen, mit denen ich mal was hatte. Und das soll nun wirklich nicht sein.
Ich will nicht wissen, mit wem Katharina jetzt in die Kiste steigt. Wir waren eh nicht lange zusammen und später an sie gedacht, hab ich fast nie. Jetzt sind wir Studi-Freunde und ich weiß, wer nach mir alles ran durfte. Diese Typen zu identifizieren ist so einfach wie Spannen am FKK-Strand. Wenn die auf 15 verlinkten Fotos immer den gleichen blonden Sakkoträger im Arm hat, darf der rein. Dabei sieht der aus, wie eine echte Vollpflaume. Ich meine sogar, auf einem Bild einen abgeschlossenen Riesterrentenvertrag aus seiner Tasche winken zu sehen.
– Aber die Werbung sagt doch, dass das so ne Rente mittlerweile echt voll angesagt ist, ey.
Und wenn man nur fleißig genug in die Röhre schaut und Mama einem, seit dem man sechzehn ist, immer wieder neue C&A Jacketts in den Hensvik-Schrank gehängt hat, dann glaubt man das auch.
Rock`n`Roll, Katharina!

Die Ulli war da schon etwas ernster. Und so schaut sie auch auf ihrem Profilfoto. Das sieht nach 13 Semester Erziehungswissenschaften und mindestens 15 Semestern Langeweile aus. Um das zu kompensieren, feuert sie drei mal täglich die wichtigsten Unwichtigkeiten aus ihrem Pressspanmöbelleben in den allumspannenden Buschfunk, sodass alle Studi-Freunde auch auf dem Laufenden bleiben, wie es so läuft mit ihr und ihrem Schatzi. Und das schreibt die echt. Schatzi! Solange noch Menschen das Wort Schatzi in ihrem Wortschatz haben, braucht sich die FDP keine Sorgen machen, glaube ich.

Anna und Rieke sind da schon stilvoller und haben ihre Profile gesperrt. Da muss man dann erst anfrage, ob man drauflinsen darf aufs Lebensarchiv. Das trau ich mich aber nicht. Wie steh ich denn da. Als hätte ich sowas nötig. Außerdem hab ich Angst hinter dem nächsten Link wieder einen Ralf im Arm von Anna zu sehen.

Rar macht sich nur die einzig stalkwürdige Frau. Außer ihrem Profilfoto gibt es nicht viel zu sehen und auch das ist in so schlechter Auflösung, dass kein Zoomen näheren Aufschluss über mögliche Faltenbildung im Mundwinkelbereich oder leicht Gewichtszunahme geben könnte. Kein Eintrag zu Lieblingsplatten oder Büchern. Kein Vermerk zu irgendwelchen Verkupplungen. Selten ein Kommentar zu einem fremden Foto oder einem Profileintrag. Sie gibt nichts von sich preis, verdammt. Dabei will ich alles wissen. Wo sie ist? Was sie macht? Mit wem? Wann? Wie oft?
Baby, denke ich und küsse sie auf den Mund.
28.10.09 00:37
 


bisher 4 Kommentar(e)     TrackBack-URL


ultra-telefonmann / Website (30.10.09 10:54)
es preise ein jeder den Herren, dessen weib keinen account kennt im internet.


Baby (5.11.09 11:48)
weder lust zu kommentieren, zu gruscheln, zu posten, zu chatten, zu telefonieren,zu pinnwanden, zu plauderkasteln oder zu buschfunken. ich denke, ich komme einfach mal wieder vorbei.


Nasi / Website (5.11.09 11:53)
So!


(11.11.09 17:27)
Ganz groß Dennis! Wenn jemand aus dem Sommerurlaub posted, dass er gerade ein Schnitzel isst, dann fragt man sich doch nur: Was hat der eigentlich auf dem Teller? Ein Schnitzel oder einen Laptop? Ich gehe jetzt ein Süppchen essen, ist dann morgen nachzulesen!

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