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Odyssee zum Mars

Ich hatte mir die Karten im November kurz nach Bekanntgabe der Tourdaten gekauft. Vorher hatte ich noch schnell abgeklärt, dass ich nicht alleine auf mein persönliches Großereignis des Sambarocks zu gehen brauchte. Ich rief meinen guten Freund Stuart aus Holland an, der sein Zelt wieder in Wuppertal aufgeschlagen hatte. Zumindest das Vorzelt, der Rest sollte schnellst möglich folgen. „Noch knapp 6 Monate und dann hab ich mein Diplom in der Tasche und dann bin ich raus aus diesem bekackten Land!“ prahlte er und ich hörte durch das Telefon, wie er sich vergnüglich auf den Brustkorb klopfte. „Mir geht das hier echt auf den Zeiger. Dieses Land hat fürchterliche Mundfäule und versucht es unter einer riesigen Wolke Chanel No. 5 zu vertuschen. Latent wabert der Gestank noch durch. Buahr. Kein Wunder, dass hier Kiffen legalisiert wurde. Das hält man ja im Kopf nicht aus. Außerdem schwingt andauernd die Angst des baldigen Untergangs mit. Treibhauseffekt im Land der Treibhäuser. Naja, Wasser drüber! Aber ist echt super, dass wir zusammen nach Berlin fahren und auf DAS Konzert.“ Wir waren beide übertrieben hibbelig und malten uns in Wachsmalfarben aus, wie das denn wohl werden würde. Im Nachhinein muss ich ein bisschen an das Puppentheater denken, das mir mein Opa zu Weihnachten `87 geschenkt hatte. Als erste Vorstellung spielten mein Vater und mein Onkel mit den Handpuppen ein 120 Minuten Schwank angelehnt an „Verbrechen und Strafe“ vom großen D, wobei eine komplette Flasche Calvados im Backstagebereich während der Vorstellung geleert wurde. DIÄhnlich leerte sich wohl auch gegen Ende der Sinninhalt des Stückes. Aber ich war fünf und bohrte damals gerne in der Nase. Also kein Problem für mich dramatische Hänger zu überbrücken.

Im Januar diesen Jahres feierte Stuart seinen dreißigsten Geburtstag. Ein großes, zweistöckiges Cafe diente als Auftrittsort für seine drei Bands, in denen er trommelt und die zu seinen Ehren ein Gratisfestival gaben. Flusen, mein Mitbewohner, und ich waren auch geladen und balzten nach Vorlesungsende in seinem Familiencombi Richtung Wuppertal. Vor Ort war der Gastgeber auf Grund seiner ständigen Auftritte unabkömmlich, so dass ich ihn in einer kurzen Umbaupause forsch in Klausur nahm, um ihm sein Geschenk, DIE Karte, zu überreichen. Er öffnete den Umschlag und verknautschte das Gesicht:
„Jau!“
„Jau!“ echote ich.
„Das wird der Oberhammer!“ resümiert er unser novemberliches Gespräch in einem Satz, umarmt mich und gibt mir dann mit einem Wink zu verstehen, dass er jetzt aber auch dringend weiter machen müsse wegen Geburtstag und so.

Das Konzert sollte am 24. Februar im Huxley`s in Berlin stattfinden. Ich hatte mit unserem Freund Phil vor Ort abgeklärt, dass wir bei ihm das komplette Wochenende wohnen konnten. Der hatte keinen Bock auf das Konzert und wollte die Zeit lieber mit seiner neuen Flamme nutzen.

Eine Woche vorher klingelte mein Telefon. Stuart! Nach einem kurzen Intro rückte er raus:
„Ich kann leider nicht mitkommen!“
„Wat?“
„Ja, Scheiße! Ich sitz hier gerade an meiner Diplomarbeit und krieg das nicht so recht gebacken! Naja, ich hab drei Wochen Aufschub bekommen. Also jetzt noch zwei Wochen und ich bin immer noch nicht mit der Einleitung fertig.“
„Aber die schreibt man doch zum Schluss!“
„Echt?“
„Echt!“
„Kacke!“
„Stimmt! …und jetzt?“
„… weiß nicht! Geh mit Phil hin, oder so!“
„Aber der kennt die doch gar nicht! Und wenn er die kennen würde, dann fänd er die scheiße. Vielleicht! Naja, das ist doch nicht seine Musik! Aber unsere, verdammt!“
„Verdammt!...ja, es tut mir auch echt leid!“
Sieben Tage bis zum Konzert! Ich telefonierte mit Phil, der natürlich mit mir aufs Konzert kommen wollte. „Hör dir die vorher mal bei Myspace an!“, riet ich ihm.

Vier Tage bis zum Konzert und einen Tag vor meiner Reise nach Berlin:
Der Wecker klingelte und ich schlug ins Leere. Mein Hals, mein Kopp alles brummte, kratzte und schien keinen Bock auf mich zu haben. Das Thermometer blinkte 39,8°C. Ich rief in Berlin an und erklärte eine kurze Verzögerung meiner Anreise.
An dieser Stelle sei noch mal betont, dass es hier nicht um irgendein Pusemuckelkonzert von einer beknackten Hinterhof Band geht, sondern um DIE BAND . Keine Platte hatte ich öfter gehört. Keine Internetseite öfter besucht.
Ein Tag bis zum Konzert und mein körperliches Befinden war unverändert. Karten verkaufen? Zu spät! Karten verschenken? Zu vertrackte Musik, als dass einer meiner münsteraner Freunde dafür nach Berlin gefahren wäre. Karten verfallen lassen? Unmöglich! Also musste ich fahren!

Tag des Konzerts: Sieben auf der Uhr und siebenunddreizigfünf auf dem Thermometer! Wackeligen Fußes schlappte ich zum Bahnhof und kaufte mir ein „SchönesWochenendTicket“: Acht Stunden Fahrzeit bis Berlin! Fünf mal Umsteigen! Ungefrühstückt plumpste ich nach erstem Wechsel in den Nahverkehrszug in Ibbenbüren. Fensterplatz! Na, wenigstens! Zwanzig Minuten später hielt der Zug abrupt irgendwo im Nirgendwo. „Wegen eines Polizei- und Notarzteinsatzes am und im Gleis verzögert sich die Fahrt um unbestimmte Zeit.“ Links und rechts des Zuges war ein Großeinsatz los gebrochen. Die übrigen Passagiere drückten sich am Fenster die Nasen platt, um vielleicht auch mal ein Stück Bauernleiche zu sehen, die hier unsere Weiterfahrt unmöglich machte. Scheiß RTLII-Passanten, dachte ich und rechnete meinen Zeitplan drei bis viermal durch. Mir blieben drei Stunde zwischen geplanter Ankunft und Konzertbeginn. Ich schwitze. Anderthalb Stunden später eierte der Wagon in den nächsten Bahnhof. „Alle aussteigen!“ hieß es. Es solle mit Bussen weiter gehen, wusste die knarzige Stimme aus dem Lautsprecher. Diese ganze Suiziderei kostete diesem Tölpel das Leben und mir wertvolle zweieinhalb Stunden. Mein Mitgefühl hielt sich in Grenzen. Warum muss man mit seiner letzten Tat so vielen Leuten noch zur Last fallen? Für mich hieß dieser letzte Akt: Jetzt bloß keinen Anschluss mehr verpassen!
Und das sollte der Deutschen Bahn und mir auch gelingen.
Sieben Uhr Ankunft in Berlin! Ich war total frittig und freute mich in Phils Käfer über ihn und auf das Konzert. Wir lieferten meine Sachen bei ihm ab und nahmen die Bahn. Punkt acht Uhr erreichten wir die Halle. Immer noch ungefrühstück kaufte ich uns Bier und plazierte uns an den Mischer. „Sound am Besten!“ fachsimpelte ich. Vor allem gab es hier ein Absperrgitter, an dem ich mich festhalten konnte.
Das Konzert war unglaublich. Ich, auf Naturdroge, fühlte mich wie ein Teenager beim ersten Zungenkuss. Vorsichtig linste ich zwischen den ersten beiden Songs, also nach zwanzig Minuten, zu Phil. Der guckte leicht überfordert.
„Wat is?“ brüllte ich. „Hasse dir die den vorher mal angehört?“
„Ein Lied, glaube ich.“
„Und?“
„Joah!“
Das wird ein anstrengender Abend für dich, dachte ich. Phil ging bald Richtung Tribüne. „Mal kurz Hinsetzten!“ Nach einer dreiviertel Stunde kam er zurück: „Hör mal, ich bin da gerade eingeschlafen. Ich warte draußen! Das ist mir zu anstrengend! Die werden ja gleich fertig sein!“
Ich nickte und musste an Lori denken, der mal auf einer Drum`n`Bass Party an der Bassbox lehnend eingeschlafen war. Nach zweidreiviertel Stunde verließen die Band die Bühne und ich den Saal. Draußen rauchte Phil und grinste.
Ich blieb nur eine Nacht bei ihm, weil ich am nächsten Tag zwecks Lernerei wieder nach Münster fahren musste. Ich hatte mir kurzerhand eine Mitfahrgelegenheit nach Dortmund klar gemacht und musste um elf am Bahnhof Zoo sein. Dort angekommen sah ich drei schwarz gekleidete Motörheadgestalten um einen Corsa stehen. Meine Fahrt zurück! Ich stellte mich vor. Grimmig gaben mir die Jungs zu verstehen, dass ich mit keinen von ihnen telefoniert hatte. Das Auto war richtig, das sah ich am Nummernschild.
„Wer ist denn dann der Fahrer?“
„Der da!“ knöselte einer der drei und deutet auf einen schmächtigen Jugoslawen, der Zigarette rauchend vom Zaun, wo er kurz noch gepinkelt hatte, zu uns marschierte. Ich zählte noch mal im Kopf durch: Die drei plus ich plus Fahrer in Corsa gleich ganz große Scheiße auf den hinteren Plätzen. Ich nahm erstmal neben dem Fahrer Platz. Der Sitz ganz nach vorne geschoben, war das auch nicht die Lösung. Die Jungs auf der Rückbank mufften wie vier Tage Wacken.
Fünf Stunden später Dortmund Bahnhof: Ich richtete meine Portmonee gen Fahrer.
„Was willstn für die Fahrt haben?“
„Dreizisch!“
„Wat insgesamt?“
„Von jedem dreizisch!“
„Das soll doch wohl nen Witz sein! Du knallst dein Auto mit fünf Leuten voll! Wir hatten alle eine ganz beschissene Reise und du willst von jedem dreißig Flocken?“
„Dreizig von jedem!“
Ich guckte Hilfe suchend zu den dünstenden Drei. Die zuckten nur mit den Schultern: „Naja, er ist auch sicher gefahren!“
„Wollt ihr mich verarschen? Ja, sicher gefahren! Klasse! Applaus! Ich geb zwanzig oder gar nichts!“
„Zwanzig wäre auch gut!“ sagte die eine Lederjacke.
„Isch hatte vorher gesagt dreizisch!“
„Dann musste auch dazu sagen, wie die Dinge liegen! Fünf Kerle im Corsa?! Vorschlag zur Güte: Fünfundzwanzig und dann bist du glücklich und wir sind glücklich!“
Ich drückte ihm zwanzig in die Hand und ging Richtung Bahnhof. Da die anderen Drei nur nen Hunni hatten und er ja auch nur noch nen Zehner klein hatte, Schade Schade, brauchten sie bezüglich der Zahlungsformalitäten etwas länger.
22.3.08 00:31


Love for sale

Die kleine Frau und ich stehen in Barmbek an der S-Bahn Station. Es ist drei Uhr morgens und der Wind pfeift kalt durch unsere Reißverschlüsse. Noch 21 Minuten bis die Bahn kommt. Scheiß Voraussetzungen, wenn man nach Hause will.

„Bei Goertz werben die jetzt mit Liebe!“ weiß die kleine Frau.
„Wat is dat denn? Nen Puff?“
„Quatsch, das ist ein Schuhgeschäft! Da kann man Schuhe kaufen.“
„Und die werben jetzt mit Liebe?“
„Ja, mit Liebe! It`s time for love!”
“It´s time for love?”
“Ja, steht auf den Plakaten drauf.”
„Was hat das denn mit Liebe zu tun, wenn ich mir Schuhe kaufen will? Das ist ja schon rein geographisch totaler Scheiß! Liebe ist doch drinnen. Drinnen! Ganz tief drinne! Und Schuhe sind außen. Außen und auch noch ganz weit unten an den Füßen.
Nicht mal Füße haben irgendetwas mit Liebe zu tun, obwohl sie ja Teil der Person sind, die möglicherweise doch etwas mit Liebe zu tun hat. Wenn also Füße schon nichts mit Liebe zu tun haben, weil klein und schrumpelig und zehig und eingewachsene Fußnägel und so, dann haben Schuhe erst recht nichts mit Liebe zu tun!“
„Das stimmt nicht. Füße haben sehr wohl was mit Liebe zu tun. Für manche sind Füße der fleischgewordene Inbegriff von Liebe.“
„Buah, das ist dann aber auch ein Fetisch. Und dazu noch einer, dem ich nichts abgewinnen kann.“
„Heißt das, du magst meine Füße nicht?“
„Quatsch, das heißt höchstens, dass ich nicht direkt weiche Knie bekomme und sich ein kleines Taschenzelt aufbaut, wenn ich ein Foto von deinen Füßen sehe.“
„Ist ja auch egal, du Idiot. Im Grunde heißt die Werbung ja nur, kauf Schuhe und dann erfährst du Liebe. Oder drücke deine Liebe durch Schuhe aus. So was zieht natürlich. Ist ja auch bald Weihnachten.“
„Also heißt das eigentlich. Kauf dir Liebe und du bekommst Schuhe wie ein Yps-Gimmick kostenlos dazu.“
„So ungefähr. Kauf dir für 130 Euro Bugatti-Schuhe bei Goertz und du bekommst Liebe plus Schuhe.“
„Auf Bugatti-Schuhe scheiße ich und wenn ich Liebe will, dann geh ich nach Hause. Da gibt es die nämlich umsonst. Da kann ich sein, wie ich will. Auch ohne Bugatti-Schuhe! Meine Familie liebt mich! Da spielt es keine Rolle, was ich trage und was ich mache. Ein Platz außerhalb der Ökonomie, gerade der vorweihnachtlichen Ökonomie. Die Familie ist nämlich nicht Teil des verdammten Marktes. So!“
„Da musst du keine Leistung erbringen?“
„Nö?“
„So ein Quatsch!“
„Wenn ich keinen Bock mehr habe, geh ich halt wieder nach Hause!“
„Deine Mutter würde dich doch nicht mehr reinlassen.“
„Was meinst du denn mit `reinlassen`? Wird das jetzt so eine ich-möchte-zurück-in-den-Uterus-Diskussion? Dafür ist es eindeutig zu früh und zu kalt!“
„Nein, das ist eine Ich-lass-dich-nicht-mehr-nach-Hause-Diskussion. Du kommst hier nicht rein. Damals warst du hübsch und verspielt. Jetzt bist du stinkig, hässlich und großporig. Da würde ich dich auch nicht zurück lassen.“
„Verdammt noch mal! Ich bin doch dein Sohn!“
„Geh nach Hause. Du bist immerhin schon 25!“
„Aber du bist doch meine Mama!“
„Lass das! Ich bin nicht deine Mama. Und du darfst mich auch nicht Mutti nennen. Ein für allemal!“

Die Bahn kommt verfrüht und wir steigen ein. Sie geht einen halben Schritt vor mir. Ich häng bei ihr an der Hand und gucke gebeugt zu Boden. Ich fühl mich, wie ein geknickter Sohnemann.
29.11.07 12:21


wenn nichts passiert, passiert nichts

Sitz am Schreibtisch und nösel vor mich hin. Unterrichtsvorbereitung - und ich hab so was von gar keinen Bock! Lust auf Event, aber es will ums Verrecken nichts passieren! Aus den Boxen verreckt gerade Elliott Smith, der Begnadete und Selbsterstochene. Meine Trommelfelle wippen, da kommt Flusen hereingestürzt. Er hat die Jacke an und schwitzt bestimmt. Außer Atem blögt er:
„Altäär, ich fahr gerade über die Promenade am alten Kanonengraben vorbei. Der ist völligst zerflügt. Da hat einer mit nem Auto ein paar Runden gedreht! Total krasso…!“
„Jaha“, schiebt sich Raskolnikow durch die Tür und in die Unterhaltung. „Das war so eine Verwirrte. Die ist mit dem Auto gegen einen Baum gefahren, dann zurück und – rummst - direkt noch mal davor. Ab auf die Promenade ein paar Passanten umbolzen. Das hat nicht geklappt, also fünf, sechs Runden durch den alten, neuen Kanonengraben und dann viermal in eine Schaufensterscheibe.“
„Hä“, kläfft Flusen. „Vier mal in die gleiche Scheibe, oder was?“
„So wie ich das verstanden hab. Lief gerade im Radio. Amokfahrt in Münster!“
„Dann hat die ja zurückgesetzt und hat dann wieder Vollgas gegeben. Ab in die Schaufensterpuppen.“
„Stimmt!“
„Stimmt!“
„Wie krass ist das denn?“
„Was weiß ich denn, wie krass das ist?“
Die Kaffeemaschine in der Küche röchelt wie ein Meuchelmord.
„Ah, Kaffee!“ sage ich. „Was für ein willkommene kulinarische Abwechslung am Schreibtisch.“
Elliott zeigt sich unbeeindruckt und säuselt weiter aus den Boxen in meine Ohren hinein. Es geht um Barliebe, hoffe ich.
22.11.07 23:01


Koitus interruptus

Kurz vor unserer Ankunft hatte es geregnet. Klassisch. Zelte auf dem aufgewühlten Matschboden aufbauen, macht so viel Spass wie Arschbomben im Nichtschimmerbecken. Die Laune war dennoch beswingt. Von den Bühnen wehte der Soundcheck herüber. Mit Raskolnikow hatte ich ausgemacht, am ersten Abend drunter her zu tun.
„Wenn du dich da zu voll machst, bist du spätestens Samstagabend total platt. Und dann kommt noch der Sonntag. Wir sind keine achtzehn mehr!“ nuschelt er erstaunlich verständlich und gibt mir die Knispel. Kurz nach uns kommt Stuart mit seiner Freundin aus Holland angereist und wird verständlicherweise beherzt begrüßt. Ich freute mich ganz besonders auf die alte Quarzhaube. Wir hatten eine Zeit lang zusammen Musik gemacht, nachdem wir uns auf einem Incubus Konzert in Köln mitten im Winter beide oben ohne kennen gelernt hatten.
Es wird ein langer Abend. Wir trinken Fünfliterfaßbier und rauchen holländisches Gras. Leute mit Alufolie auf dem Kopf kommen, erzählen Unsortiertes und gehen wieder. Wir lachen und gehen gegen fünf nach und nach ins Bett. Matzek und ich sitzen noch auf unseren Campingklappstühlen und rollen auf der Sonderausgabe des Playboy eine lang ausgestreckte Tüte. Keine Ahnung wer den Playboy angeschleppt hatte. Er wird hier vorwiegend von Mädels ‚gelesen’. Das will ich Matzek erzählen, doch bevor der Gedanke zum Mund gelangt, schiebt mir Matzek besagt Lunte zwischen die Zähne.
„Die rauch ich noch mit.“ näselt Stuart und hustet in Richtung seiner Freundin. Sie zuckt mit den Mundwinkeln und geht ungeputzt ins Zelt. Stuart zieht einmal unmotiviert, steht auf und plumpst in sein Zelt. Matzek und ich sind allein mit Gras und Bier und einem aufkommendem Lärmpegel, der durch die Zeltwand dringt. Regie dieses Hörspiels hat wohl Ernst Hofbauer übernommen. Matzek grinst mich an.
„Pass ma auf. Heute: Koitus interruptus! Aber vom Feinsten!“ flüstert er. Ich grins zurück und hoffe, nicht ganz so bescheuert auszusehen wie mein Gegenüber. Wir trinken, rauchen und lauschen. Das Zeltinnenleben geht seinem Ende entgegen. Es scheint nicht mehr lange zu dauern. Plötzlich raunst Matzek erstaunlich klar und gut verständlich:

„Ich höre euch!“

Stille.

Wir gucken uns an. Matzek presst die Lippen aufeinander. Seine Augen scheinen hervor zu treten. Ich halte mir den Mund zu und atme hörbar durch die Nase. Im Zelt immer noch Stille.
Plötzlich höre ich lautes Gebrüll aus meinem Zelt. Raskolnikow schreit vor Lachen.
„Ist das krank, Mann! Lasst doch mal die Ficker in Ruhe! Wir sind doch keine achtzehn mehr!“
Matzek nickt betreten und fingert an der OCB-Blättchenpackung.
3.11.07 23:51


Heute singt für Sie: Das Niveau

Ich knall mit einem Schwung die eiserne Kühlschranktür zu, die mit einem leisen WONK zuklappt. Der Schwung dreht mich um knapp fünfundvierzig Grad, so dass ich mit dem Gesicht zur plakatierten Wand starre. Auf dem Plakat sind die Teilnehmer der Exkursion in einem für mich zum jetzigen Zeitpunkt komplexen Spaltensystem vermerkt. Die x-Achse schmücken Getränkebezeichnungen, auf der y-Achse sind die Namen zu finden. Ich versuche unbeholfen den Stift, der an einer kurzen Kordel von der Decke baumelt, zu erfingern und strichel dann die zwei Bier in meiner Spalte ab. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich bereits über zwanzig Striche in dieser Spalte, aber das bemerke ich nicht. Diese Spalte wird allerdings in den folgenden Tagen noch mein Ansehen steigern bzw. sinken lassen.
Ich steig über den komatösen Schnarchbalch Klas hinweg. Der liegt da schon seit drei Stunden. Wie jeden Abend! Pünktlich um zehn macht der Kerl die Döppen zu und lässt sich nach hinten gleiten.
„Hey, Klas! Geht’s?“
„Hä…was? Ja, ich bin wach. Ich bin fit. Ich wollte nu…!“ Augen zu und der Körperschwerpunkt sinkt.
„Ey“, brüllt es vom See. „haben wir nicht noch Kümmerling?“ „Klar!“
„Kannste die nicht mal rausholen, dass wir die in unsere Gesichter rein tun können?“
Ich mach wahllos Striche in unterschiedlichsten Spalten und bring das Schächtelchen mit kleinen Kümmerlingflaschen an den See. „Hey!“ tönt es vom Haus. „Ich hab aber keinen Kümmerling getrunken!“ Kerstin! Die trinkt nicht nur keinen Kümmerling, sondern auch kein Bier, Sekt, Schnaps oder sonst was. Und das obwohl sich hier alle dermaßen die Schelle geben. Das muss für sie und ihre Freundin, Kerstin zwei oder so (keine Ahnung, wie die heißt), auch eine beschissene Woche sein.
Morgens frühstücken und dann erstmal mit einzwei Kannen ins Boot zwei Züge rudern einen Zug trinken. Mittagessen. Dann Programm wie vormittags nur umgekehrt. Um sieben Grillen mit Programm wie Nachmittags nur ohne Rudern. Ab fünf hüpfen dann die ersten Dozenten nackt in den See und wiederholen das immer dann, wenn gerade Externe das Ruderhaus besichtigen wollen.
„Wir machen uns hier richtig weg!“ röhrt Matzek und springt nackt in den See. An seiner Hand ich! An mir nichts außer einem Fläschchen Kümmerling. Beim an Land Steigen latsch ich ziemlich bematscht auf meine Brille. Es knischt unter meinen Zehen. Endlich! Die war schon im Laden hässlich. Hat mir nie gestanden. Ich hasste sie. Aber meine andere hasste ich noch mehr und sie gab es umsonst zum Zivildienst dazu.
Punktestand: Ich: 1; Brille: 0!
Ausgezeichnet!
Für den Rest des Abends bin ich unbebrillt, was meine Sehfähigkeit nicht weiter schmälert. Die Mädels scheinen das erste Mal meine Augen zu sehen und ich heimse ein paar Komplimente ein. Was sehr anstrengend ist, da ich mich so zweimal in der Minuten neu in eine Komplimentöse verliebe. Zum Glück trinke ich nur noch zwei Bier, dann ziehen Matzek und ich uns wieder an und gehen ins unsere Schlafsäcke. Wir schlafen alle zusammen in einer Turnhalle. Bis zu meinem Schlafsack trete ich auf drei Füße und in ein Gesicht oder so. Ist mit egal. Ich leg mich hin und schlaf direkt weg.

Simons Stimme weckt mich.
„Alter, du hast gestern zweiundzwanzig Bier getrunken!!“
Ich versteh nur Bahnhof: „Hä. Ich versteh nur Bahnhof!“
„Du bist der absolute Bierkönig!“ Ich schüttle meinen majestätischen Brummschädel und eiere zur Getränkeliste. Tatsache! Donnerwetter. 22 Kannen Stauder Pils zuzüglich einer zweistelligen Kümmerlinganzahl, wobei ich einen Großteil an die Frauen verteilt hatte, die mich zuvor komplimentierten. Soviel konnte ich mir noch zusammen reimen. Als ich ins Freie trete, kommt mir der Dozent entgegen.
„Respekt! Dann machen wir heute mal die mündliche Prüfung! Du bist ja fit, merke ich!“ Er hat recht. Ich bin fit. Also, den Umständen entsprechend.
Fünf Stunden später sitzen Matzek und ich bei Zigarette und Bier in der mündlichen Prüfung und palavern uns zur erwarteten Glanzleistung.
Tags darauf ist Abreise. Es geht für mich direkt ins Bergische Land, wo ich auf das erste Abinachtreffen seit fünf Jahren eingeladen bin. Mir geht es schlecht. Seit fünf Tagen hatte ich den Kater mit einem morgendlichen Bier verschoben. Ich glaube, die Wirkungskraft eines Katers steigt exponentiell zur Zeit, die man ihn nicht walten lässt. Ich setze mich an dem Morgen ins Auto und weiß, ich tue gerade das Unverantwortlichste in meinem Leben.

Auf der Party werde ich von Jerome begrüßt. Wir hatten eine zeitlang zusammen musiziert und standen nach wie vor in Kontakt. „Mensch, siehst du scheiße aus! Was ist los?“ „Ich bin Bierkönig. Das ist los. Und jetzt bin ich auch noch Katerkönig.“ Ich muss kurz an Kerstin 1 und 2 denken und schnalze mit der Zunge. Die hatten sich kurz vor Abreise noch bei allen beschwert, dass sie dieses Saufen, Furzen und Rülpsen so was von widerlich fanden. ‚Das war die schlimmste Exkursion!’ sagten sie im Chor als hätten sie es vorher geprobt. Im Theater ist der Chor immer die Stimmer des Volkes. Wir hatten das Volk schockiert. Allerdings trug das Volk auch Perlenohrringe und benötigte jeden Morgen über vierzig Minuten Schminkzeit. Verrückt. What a folk!
Während ich das denke, ist Jerome bereits an den Tisch von dem er bei meiner Ankunft aufgesprungen war, zurückgekehrt und deutet in meine Richtung. Manni winkt mir zu. Ich schluffe in ihre Richtung. „Na, Bierkönig!“ Stille am Tisch. Ich hatte bis auf drei Leute alle seit dem Abi nicht mehr gesehen. Und das erste, was die von mir erfahren, ist, dass ich jetzt geadelter Biertrinker bin.

„Also, ich bin ja jetzt mit Brigid zusammen gezogen. Klar ich hab dann auch in der Firma ihrer Eltern angefangen. Sieht so aus als würde ich den Laden in zwei Jahren übernehmen. Dann leite ich knapp vierhundert Angestellte. Und du bist Bierkönig?“

„Ich hab letztes Jahr in einer Internetagentur angefangen. Total junges Kollegium. Macht richtig Spass. Und ich verdien mein erstes eigenes Geld. Kein Geld mehr von den Eltern! Super! Und du hast gestern 22 Bier getrunken! Respekt! Das sind ja elf Liter!“

Ich blicke zu Jerome und nicke dankend. Darauf gibt er mir ein Bier aus.
31.10.07 00:48


Kamm Bäckchen

Ob ich tot sei, hat mich letztens Kathi gefragt. Ich nicht! Mein Blog vielleicht, weiß nicht genau. Hab so viel zu tun, nösel ich. Jaja, bläfft sie und wischt sich ihren rothaarigen Pony aus der Stirn. Du erlebst nur nichts mehr. Älteres Semester! Da wird man ruhig und langweilig! Wann warste denn das letzte mal auf soner richtigen Unkenparty, nach der man sich erstmal drei Tage verstecken muss, weil man so scheiße aussieht, redet und riecht? So eine, die richtig in die Geschichte eingegangen ist, wie die Partys bei Tine mit den beiden Dealern, die extra gekommen sind, oder wie bei Benni, die geschätzte 34 Stunden gedauert hat? Sie guckt mich auffordernd an. Ich zucke mit den Schultern und tue so, als würde mich dieses Gespräch langweilen.
Tut es auch!
7.10.07 23:55


Buahr

Ich hab ein neues Hobby bzw. ein neues Hobby hat mich.
Ich bin jetzt Stalker! Teilzeitstalker! Einmal die Woche für knapp 90 Minuten! Ich bin aber keiner von diesen Aggressivstalkern, die es zu jedem Promi gratis dazu gibt mit Heiratsantrag, angedrohter Genitalverstümmelung bei Nichtbeachtung und so, sondern ein sehr schüchterner beobachtender Typ. Dies aber schon wieder so progressiv, dass ich aus dem Feld des Voyeurs raus hinein in das Milieu des Stalkers falle. Protagonist meines Hobbys ist ein anderer münsteraner Blogger. Dank eines fürchterlich exhibitionistischen Vorzeigeprodukts des Web 2.0 konnte ich das sehr ansehnliche Erscheinungsbild dieses Onlineliteraten herausfinden. Dass heißt, nicht ich fand das Bild, sondern das Bild fand mich über unzählige Verlinkungen und sogenannte „Freundschaften“! Ein regnerischer Sonntag motivierte mein Studium dieser studentischen Datenbank und versorgte mich großzügig mit überflüssigen Details von Leuten, die ich nicht kenne, aus Städten, in denen ich noch nie war. Vollgestopft mit diesen Infos lief ich knappe zwei Monate durch das schmalspurige Katholikerdorf, ohne dass sie von Nutzen gewesen wären.
Doch eines Mittwochs setzte sich in einer Vorlesung zum Jahr der Geisteswissenschaft mit dem Titel „Eminem und die deutsche Klassik“ dieses Gesicht, das ich zuvor auf meinem Monitor flüchtig betrachtet hatte, eine Reihe hinter mich.
‚Buahr’, dachte ich. Echt wahr! Buahr! Das hatte ich noch nie zuvor gedacht. Das war der Beginn meiner Stalkerkarriere. Fast jeden Mittwoch geh ich nun zu dieser Vorlesung. Gute Dozenten und spannende Themen könnte ich dort erleben, wenn ich nur nicht die ganze Zeit diesen Typen beobachten würde. Das ist schon fast krankhaft. Aber was soll ich machen? Buahr! Buahr verpflichtet!
Ich glaube, nächste Woche spreche ich ihn an! Ob ich mich traue aus der schützenden Deckung der Anonymität hinauszutreten? Was soll ich denn sagen? Vielleicht „Buahr“ oder „Tach, wie isset?“ oder so! Mal schauen. Schauen macht ja auch Spass!
14.5.07 23:36


Matzek Riefenstahl

Donnerstagabend Turnhalle, Münster: Die Ringe baumeln von der Decke, zwei Barren sind aufgebaut, vier Weichbodenbahnen liegen ausgerollt auf ihren Bäuchen. Ganz sauber, wie eine frisch asphaltierte Straße sehen sie aus. Etwa 56 Studenten tummeln sich um auf und unter den Geräten. Die Sonne scheint durch ein hoch gelegenes Fenster und verziert die Halle mit einem orangen Lichtbezug.
„Ist das romantisch“, stammelt Matzek. „Überall nur potente Leute!“
13.4.07 13:28


Hospiz voller Hundehaare

Mary ist eine Frau, die angesprochen wird. Auf Partys, in Clubs, im Supermarkt, in Parks und auf der Straße! Mit ihr als Magnet auf alle, deren ernsthafte Gesprächspartner schon tot oder seit dem Auszug aus dem Elternhaus nur noch bei Familientreffen zugegen sind, sollen wir auch heute nicht ungestört bleiben.
Wir kaufen in einem kleinen Fahrradladen auf der Schanze ein brachiales Kettenschloss für ein halbes Vermögen. Meine Bemerkung, dass Radfrauen mit dicken Ketten am Körper sexy seien, nimmt sie zum Anlass, sich ihr neues Eigentum stilbewußt um die Schultern zu schlingen. „Geil“, denke ich und entdecke einen katzengroßen Hund, der um Marys Beine rumschlawänzelt. Unüberlegt entfährt mir ein männliches „Och, der ist aber süß.“ Ich schäme mich postwendend.
Der Hund hat eine alte, gebrechliche Frau an der Leine, die bei Marys Anblick direkt loswinselt: „Der ist schon 8 Jahre alt. Jahh! Ein Chiwawa!“ Ich denke an Ren & Stimpy und gluckse dämlich: „Ein Chiwawa?“ Sie hört mich nicht. Das finde ich gut.
„Der hat 7000 Euro gekostet! 7000 Euro, aber nicht hier! Der kommt von dahinten! Aus dem Ausland! Ich hätte mir den nie gekauft. Gehörte meiner Nachbarin. Die ist vor eineinhalb Jahren gestorben. Da wollten die den Kleinen in ein Tierheim stecken. Da hab ich gesagt: ‚Jedem, der das Tier in ein Heim stecken will, steche ich die Augen aus.’ Wir Mädels haben ihn dann genommen.“
Von hinten kommt ein wolliger, langhaariger und bärtiger Jeansjackenträger Ende vierzig angeschlürft. Er trägt einen 4You-Rucksack auf dem Rücken aus dem ein beiger Plüschteddy rausguckt. Er stützt sich auf eine Krücke und stochert ungeschickt an uns vorbei. Sein Stock fährt gefährlich nah am Hund vorbei. Im Gehen raunst er Mary zu: „Man muss diesen Hund schützen…vor MIR.“
„Ach“, wackelt die Oma. „Solche Leute tun mir leid. Ich weiß selbst, wie das ist, krank zu sein. Ich habe Osteoporose und einen schweren Krebs. Bei mir brechen immer die Knochen. Hier hinten!“ Sie deutet auf ihren Rücken. „Und dann geh ich zum Arzt und der schneidet mir dann den Rücken auf und holt die Knochen raus. Ohne Betäubung. Die vertrag ich nicht wegen dem Krebs. Mein Arzt sagt ja, ich hab noch drei Monate. Dann geh ich ins Hospiz. Das machen die ganz neu für uns. Da an der Neuen Flora, Holstenstraße! Kennen Sie die Holstenstraße?“ Wir nicken. Sie sieht es nicht und erwartet auch keine Antwort. „Das wird sehr schön. Da wird man nicht zum Essen gezwungen wie im altonaer Krankenhaus. Da hätten sie mir fast die Suppe über den Kopf gegossen. Das sollte man abreißen, das altonaer Krankenhaus. Im Hospiz hat jeder seinen eigenen Arzt. Nicht wie im altonaer Krankenhaus. Im Hospiz kommt ein Arzt auf einen Patienten. Im altonaer Krankenhaus hat jeder Arzt bestimmt fünf! Gehen sie da bloß nie hin. Im Hospiz kann ich auch Besuch empfangen. Auch mit Hund!“ Sie blickt auf den Chiwawa. „Naja, schönen Tag noch!“ Hund und Frauchen schieben sich weiter. Wir gucken uns an. Der Autolärm wirkt gedämpft. Als hätte die alte Frau mit ihrem Hund am Equalizer rumgespielt und sämtliche Höhen rausgedreht. Wir gehen ein Eis essen. Später.
1.4.07 23:27


Kürzlich beim Laufen

Wir laufen in gemäßigtem Tempo. Wir sind zu dritt. Wir laufen so schnell, dass ein gepresster Plauderton angeschlagen werden kann. Wir reden über Männersachen. Ein kalter Wind pfeift um den See. „Gefühlte zwei Grad“, würde die Namenlose aus der Pro7-Wettervorhersage vorhersagen.
Der Atem gefriert und tanzt vor Hunde- und Herrchenasen, die uns entgegen gassieren. Zwei Läufer überholen uns und reihen sich dann in unsere Bahn. Der Abgehärtetere der beiden ist kurzhosig unterwegs. Seine Waden sind leicht errötet und mit lustigen weißen Pustelpunkten übersät. Fliegenpilzwade, gluckste ich so leise, dass selbst ich Schwierigkeiten habe, es zu verstehen.
Sie bleiben eine Weile vor uns. An der Ecke zur Brücke halten sie an. Der Pilzige reibt sich seine Fußfesseln. „Das wird ein Fest!“ hustet Kasten, der Terrier, in freudiger Erwartung Zeuge einer sportlichen Leidenskarrieren-Erzählung zu werden. Wir verlangsamen also unser Tempo, um möglichst viel von dem andeutenden Erklärungsmonolog mitzubekommen.
„Oh…ich könnte ja noch weiter laufen, aber …ah…mein Sprunggelenk! Mh…das tut so weh! Ne also konditionell ist das hier echt keine Aufgabe.“ Er fingert motiviert an seiner Wade herum. Sein Mitläufer nickt mitfühlend mit dem Oberkörper.
„Das ist so scheiße! Aua! Ich hab das auch direkt gemerkt. Direkt! Das war als ich noch Fußball gespielt habe!“
Mittlerweile sind auch wir stehen geblieben und fingieren das Ende unseres Laufes.
„Beim Fußballtraining! Und ich hab vorher noch zum Justin gesagt: Justin, hab ich gesagt, Justin, pass auf! Pass auf, dass du nicht so hart rein gehst heute. So unkontrolliert. Ich hab sogar zum Trainer gesagt: Pass auf den Justin auf, Trainer. Der foult unkontrolliert.
Und dann, kurz vor Ende des freien Spiels, ZACK! Da hab ich direkt gedacht: Ah, da haste jetzt dein ganze
Leben was von. Und der Justin hat sich nicht mal entschuldigt. Da bin ich natürlich direkt zum Trainer: Trainer, sach ich, hasse das gesehen?! Hab ich doch gesagt! Hab ich doch gesahagt!!... Aber nix… ah…Aber das Geld für die Arztkosten, die hab ich mir vom Justin wiedergeholt. Ha! Ich hab dann natürlich auf der nächsten Vereinssitzung gefordert, dass der Justin fliegt, ne! Aber nix! Dann hab ich auch nur gedacht, da reißt du dir Jahre lang den Arsch auf und willst einmal Gerechtigkeit für dich und dann ist alles vergessen. Ja, wer hat denn im Lokalderby Kreisliga 98 die Flanke geschossen und das Kopfballtor in der zweiten Halbzeit, das fast rein ging? Na, wer? Solang du gut bist, mag dich jeder und geht es dir mal schlecht, ja dann kennt dich keiner mehr…“
Wir traben langsam weiter. Voller Demut vor so viel sportlicher Tragik!
23.2.07 23:46


Wohnungssuche

Ich bin gerade auf Wohnungssuche, also wir sind auf Wohnungssuche. Chris, Raskolnikow und ich. Raskolnikow heißt nicht wirklich Raskolnikow, was ja auch merkwürdig anmutet, im Moment des mütterlichen Wurfes die Frage nach dem Namen des Balges mit dem eines rücksichtslosen, schuldzerfressenen Mörders zu beantworten. Eigentlich heißt er Phillip und sieht aus, wie ein langhaariger Jungrusse, was letztendlich auch zu seinem Spitznamen geführt hat. Glaube ich.
Auf jeden Fall sind wir auf Wohnungssuche.

Drei Zimmer, bitte!
Mit Balkon?
Klarro, oder Gartennutzung. Uns egal!
Aha, drei Zimmer nehme ich an, ja?
Oder mehr, da sind wir flexibel!
Stadtnah oder außerhalb?
Nah, nah dran, so nah dran, wie geht am besten!
Und teuer darf es auch nicht sein, wenn ich euch so sehe!
Sie sehen uns gar nicht, das ist ein Telefonat. Im Übrigen ja, billig, bitte! Ein Schnäppchen, wenn es geht.

Wohnungsbesichtigung Nr. 3 ist nahe des Hafens, mit Blick auf die Stadtwerke und der daneben befindlichen Großbaustelle. Hier soll ein großes Parkhaus entstehen, erfahren wir vom Wohnungsvermittler, der nicht wie sonst alle seiner Rasse mit Anzug und Aktentasche um die Ecke kommt, sondern weite Jeans und ausgetretene Fettsneakers trägt. Solche, die so dick sind, dass sie nicht annähernd die Größe des Fußes erahnen lassen, wohl aber einen spannenden Geruch suggerieren. Er zeigt uns die Wohnung. „Licht is kaputt. Gibt kein Strom mehr.“ Er wedelt mit einer dicken Mac Light. Die Zimmer sind in einem grauenhaften Zustand. Die Decken sind abgehängt. In jedem Zimmer haben sie eine andere unbrauchbare Höhe. „Boar, ist das verwohnt.“, hustet Chris. „Ja, das wird alles gemacht.“ Bölkt der Mann mit der Taschenlampe und leuchtet uns ins Gesicht. „Fliesen neu, alles neu! Das kommt auch wech!“ er deutet auf einen alten Geigerkasten. Das dritte Zimmer neben der schwarzlochigen Küche ist knappe 9 m² groß. „Da kann man noch was mit nem Hochbett rausholen.“, weiß der Vermittler. Raskolnikow streckt die sich und kommt mühelos mit den Händen an die Decke. „Und was anderes für drei Studis haben sie nicht?“ stirnrunzle ich. „Nee, da gibt es sonst nichts mehr! Ihr solltet euch auch schnell entscheiden. Am Wochenende rufen noch drei Studenten an, die überlegen noch wegen dem Preis! 550 … kalt, ne!“
Beim Rausgehen zückt er noch sein Portemonnaie, um uns seine Karte zu geben. Auf der Geldbörse ist eine Cannabispflanze gestickt. Ich grinse dämlich. „Idiot!“, denke ich und er wahrscheinlich auch.
18.1.07 14:46


Blackbox

Eine Diskussion mit Menschen jenseits der sechzig ist im Allgemeinen so überflüssig wie Neujahrsvorsätze oder der Geburtstagsanruf bei der Ex. All das sollte man tunlichst unterlassen. Die Ex ist weg und daher lohnt der Anruf auch nicht mehr - meistens. Neujahrsvorsätze hält kein Schwein ein, außerdem sind die der Inbegriff der Spießbürgerlichkeit, so wie Lametta am Baum und damit auch überflüssig. Und die Übersechzigjährigen bilden eh nur ein Vorstadium der Ex, da muss man nicht mehr reininvestieren. Das ist, als würde man die Wände eines Abrisshauses tapezieren.

Kurz nach Neujahr fuhren Mary und ich von Bochum über Düsseldorf nach Ulm. In Ulm bzw in Senden bei Neu-Ulm bei Ulm lebt ihre Großtante. Da in Marys Familie der Sensenmann eine Dauerkarte abonniert hat, bildet die Tante den Großelternersatz. Klein, etwas gebückt, Ende siebzig, laut und besserwisserisch. Eine tolle Frau! Echt! Ich würde ihr zwar das Wahlrecht entziehen, aber das trifft ja auf den Großteil der Bevölkerung zu.
Nachdem wir auf einem Rastplatz kurz vor Frankfurt gehetzten Autosex und uns in Ulm noch richtig lauthals verfranzt hatten, empfing uns die Tante mit ihrem Freund Addi an der Wohnungstür und lotste uns in den benachbarten Griechen. Wie alle griechischen Restaurants ritt auch dieser absolut unverfrohren auf allen deutschen Griechenlandvorurteilen herum. Blauweiß gehaltene Wände und Säulen (!), nervige Dimotika-Lala, Plastikwein rebt sich am Eingang zu einem grünen Tor, öliges Essen und eine wortkarge Bedienung mit gespielt gebrochenem Deutsch. Kalinichta!

„Und morgen gehen wir dann zum Chinesen! Der ist echt richtig lecker!“, verkündete uns die Tante.
„Guck mal, Mary“, entdeckte ich. „Der Dönerladen auf der anderen Straßenseite heißt ‚Guck`s du’!“ „Ja, diese Ausländer überall!“ polterte Tante. Dann folgte ein Erguss über Kopftücher im Supermarkt, pöbelnde Kinder im Hinterhof und so weiter. Und die Neger…blabla. Die Scheiße quoll aus ihrem Mund, schneller als man weghören konnte. Mein Blick fiel auf ein Plakat am Eingang: Mama Afrika (Vorstellung). „Ein Konzert zur ‚Kultur des schwarzen Kontinents’ in Ulm!“ „Ja“, unterbrach mich die Tante. „ Das ist bestimmt höchst interessant. Das würde ich mir gerne angucken!… Jetzt weiß ich auch, warum so viele Schwarze hier sind momentan!“ Die Unentschiedenheit und Widersprüchlichkeit dieser Frau quittierte Addi mit einem lauten, bauchigen Lachen und bestellte eine Runde Ouzo.

„Ich ess ja gerne Kiwis!“ monologisierte die Tante. „Die Inge hat letztens eine ganze Kiste von ihrem Bruder bekommen. Der hat eine eigene Plantage in Australien oder Neuseeland! Der hat die im Flugzeug mitgebracht!“
„Ah, dann hat er also einen Großhandel!“ wußte Addi.
„Nein, der hat keinen Großhandel, verdammt noch mal! Der hat die Kiste im Flugzeug mitgebracht!“
„Ja, hat der denn ein eigenes Flugzeug?“
„Natürlich nicht!“
„Also hat er die Kiste im Gepäck mitgenommen?“
„Nein, Himmelherrgottnochmal, der hat die Kiste im Flugzeug mitgenommen!“
„Im Handgepäck?“
„Nein, IM FLUGZEUG!“
Und das hieß basta! Addi lachte und bestellte noch drei Ouzo. Einen für Mary, einen für ihn und einen für mich. Die Tante ging lehr aus. Skinner hätte seine Freude gehabt. Das klassische Beispiel für operantes Konditionieren. Und das in dem Alter!
8.1.07 13:05


TabuTotal

Ein bis zweimal im Jahr treffen sich die Alten in Bochum, tun elitär und gehören für ein paar Stunden zu den obersten Schwarzen. Die Schwarzen, die Künstler, die Schauspieler, die Regisseure, die Tänzer, die intellektuell-künstlerische Hoffnung der Oberschicht. Dunkle Röhrenhose, zu kleines Hemd, Schlips und farblose Lederschuhe für den Herrn und enge Bunttops über Punktekleid über Stulpen über Ballerinaschüchen über Strumpfhose für die Dame. Und schon sind alle absolut individuell uniformiert. Man hat es ja zu was gebracht. Oder noch besser: Man ist im Begriff etwas zu bringen. Man redet über Vorsprechen, bei denen der und der in der letzten Runde noch rausgeflogen ist, über Regisseure, die versprochen haben, bald wieder zurück zu rufen und über Inszenierungen, die in den Achtzigern der Hit gewesen wären, aber jetzt…
Letztens durften dann alle wieder kommen.
Ich fühlte mich in Jeans und Kaputzenpulli etwas underdressed.
Macht nix! Am Besten man macht von Anfang an klar, dass man sich mit allen Sinnen gegen eine Künstlerlaufbahn entschieden hat.
–Und wo bist du jetzt? – In Münster! – Ach, da gibt’s auch ne Schauspielschule? – Nee! – Also an der Kunstakademie? – Nee, ich studiere! – Echt? Was denn? – Sport, Deutsch und Theaterpädagogik! – Mhm, auf Lehramt, was? – Genau! – Aha. … und? Schön? – Oh, jo! – Schön! – Stimmt! – Gut! – Gut!
Ich will da nichts erklären! Es wollte auch keiner eine Erklärung, verdammt nochmal!Vielleicht bin ich zu dumm Man ist nicht mehr im Club. Das war beiden Seiten klar. Lehramt. Au weia. Am besten noch verbeamtet! Beamt mich up!
Für diese ganze Arschleckerei gab es aber auch einen triftigen Grund. Der Grund der Gründe, wenn es um den kulturellen Fortbestand geht: Kohle!
Man wollte den Herrn Sponsoren, die den ganzen Laden am Laufen halten, mal was präsentieren. An denen schien allerdings jeglicher Aktionismus abzuperlen wie Wassertropfen an Schamhaaren. Dabei hatte man weder Kosten noch Mühen gescheut ( wessen Geld gibt man da eigentlich aus?). Halb Bochum wurde abgesperrt. Über 120 Schüler in weißem Betttull ließen Leni`s Traum noch mal aufatmen. Zynischerweise spielte nicht etwa Richard sondern TOOL zum Fackellauf auf. Im Publikum stand links neben mir ein Typ in Dimmu Borgir Shirt und VfL Schal und glotzt wie ein Sparmenü. Seine Rockerfreunde hatten kurz Pogoanstalten gemacht. Doch Frittennase wies sie zurecht und starrte wieder gebannt auf den uniformierten Lattenpulk.
Nur mein alte Hippiekollege Klaus zu meiner rechten konnte nichts mit diesem müden Gehopse anfangen und zauberte aus seiner Schlaghose zwei verstöpselte Fiege Pils hervor. Wir machten eine Bierlaola.
„Wie isses denn in Münster?“
„ Provinziell.“
„ Aber doch auch schön, oder? Obwohl, ich glaube, alle Münsteranerinnen riechen nach Cerano Schinken.“
„ Naja, vielleicht nicht alle.“
Mehr war an diesem Abend nicht drin. Der Rest war noch smalltalkiger.
Kurz vor neun schob sich noch ein Anzug-Vater mit Sparkassen Nadel am Zwirn und Sohn an der Hand in mein Blickfeld.
Situation: Sohn will Eis:
„Krieg ich n Eis?!“
„Später!“
„Später, später. Immer später. Später bist du tot und ich fick Mama.“
Ich bot dem Mann 25 Euro und mein Restbier für das Balg.
6.11.06 23:05


Was ist denn was Schlaues?

Magst du mich noch?

-Wieso?

Naja, vielleicht magst du mich ja nicht mehr.

-Wieso glaubst du denn, dass ich dich nicht mehr mag?

Weil du nicht mehr mit deiner Freundin schlafen kannst.

-Wenn meine Freundin meinen Pimmel reibt, bis es da nur so rausfontaint und dann sagt: Schlaf mit mir! Dann kann ich natürlich nicht mehr.

Vielleicht hast du ja deine rosarote Brille verloren.

-Gibt dir irgendwas den Grund zu glauben, ich hätte meine rosarote Brille verloren?

Nee, aber so was verliert man doch auch mal. Außerdem kannst du nicht einfach mit deiner Freundin schlafen, weil ich meine Pille vergessen habe.

-Achso, das meinste. Ich kann wohl mit dir schlafen. Ich muss mir nur ein kleines Tütchen über meinen Pimmel ziehen. …Dich deswegen nicht mehr zu lieben, wäre auch ein bisschen armselig.

Jeder ist doch mal ein bisschen armselig
16.10.06 17:55


Vorbilder

Als Kind hatte ich immer ein Vorbild, dem man ungefiltert nacheifern konnte. Meine Vorbilder waren ausschließlich männlich. So ist das als Junge. Da kann man nichts machen. Wäre es anders, würde ich mir als Vater auch Sorgen machen. Aber da weder mein Sohn in rosa Kleidchen durch unser Haus turnt, noch ein eigenes Kind überhaupt existiert, bleibt diese Sorge hypothetisch und damit fern.
Auf jeden Fall waren diese Männer unbeschreiblich schön und durchweg gut. Gute Menschen. Eine Kategorie, die ich mit den Vorbildern irgendwann verlor.
Mein erstes außerfamiliäres Vorbild war Winnetou.
Ich bin Jahrgang 82. Geboren im Arschlochjahrzehnt in grau und braun mit Scheißfriesi und Casiorecordibeat. Ein Jahrzehnt das nach Blumen und Glam auch die Sehnsucht nach fernen Abenteuern bzw. romantischen Märchenfiguren des Westens in den letzten beiden Jahrzehnten zurückließ. Ich hinkte also zwanzig Jahre hinterher. Schuld war ein kleines Nest in Schleswig-Holstein.
Es gab nur zwei Stätten in Deutschland, die den Karl May Hype der Sechziger weiter kultivierten. Und das Nordlicht fixte mich mit einer Hand voll Schwarzpulver und einem alten Steinadler an und konnte sich dann auf die alljährlichen Fehrnsehwiederholungen verlassen.
Pierre Brice gab meinem Held sein Gesicht. Ein Gesicht mit Grübchen im Kinn. Mit vier oder fünf war das unfassbar für mich. Wie bekommt man ein Grübchen am Kinn? Mein Onkel, der auf mich immer einen großen Eindruck gemacht hat, hatte auch eins. Ein ganz stattliches sogar. Und da konnte ich dann auch mal rein- und nachpuhlen. Das sah nicht nur gut aus, sondern fühlte sich auch gut an, wie die kleinen Bartstoppel meine Fingerspitze von allen Seiten behutsam bürsteten.
Da ich in meinen Augen schon einer von den Guten war, müsste ich mich jetzt nur noch Äußerlich meinen Idolen anpassen. Es stand fest: Ich brauche ein Grübchen.
Also machte ich es mir zur Aufgabe, jeden Abend den Nagel meines Daumens in mein Kinn zu drücken bis es wehtat. Das musste dann genügen. Meine allabendliche Schöhnheitschirugie blieb jedoch ohne Erfolg. Und da ja meine beiden Vorbilder (mein Onkel und Pierre) ihr Charisma aus ihren Grübchen gewannen und ich außer Stande war in ihre Klasse aufzusteigen, sah ich mich gezwungen, nach neuen Vorbildern Ausschau zu halten. Das war so im Alter von dreizehn.
Es kamen dann ein paar unbeständige. Darüber hinaus ließ auch diese uneingeschränkte Faszination an ganzen Personen nach und es traten lediglich Charakterzüge zum Vorschein. Mit siebzehn durfte ich dann noch mal kurz Vollblutfan sein und eiferte einem Rocksänger nach, indem ich nicht nur mit meiner Band dessen Song nachklampfte, sondern auch meine Haarlänge mit den neusten Bildern meines Stars abglich. Das war aber dann auch nur eine flüchtige Idee. Seit dem ist Schluss.
Keine Vorbilder mehr!
Wenn man mal wieder einen erhofft, erklärt dieser irgendwo einen Krieg. Das ist natürlich doof.
Klar gibt es genug beeindruckende Personen. Gut, Pierre Brice ist ein Arschloch und Winnetou letztendlich auch nur ein Christ, aber mein Onkel ist immer noch ein Guter. Nur das Grübchen sieht im Alter irgendwie eingefallen aus.
11.10.06 01:13


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