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Turbokapitalismus

Vancouver ist ein unaufgeregter aber gewaltiger Spielautomat mit einem riesigen Münzschlitz. Eine Stadt mit gutem Mundgeruch an der Hand eines gut gebauten und unnahbaren Portier, der freundlich aber bestimmt die Hand aufhält. Den üblichen Kurs winkt er ab. Nix, da kommen noch Steuern und Trinkgeld oben drauf. Jede Menge Holz also! Was die Kanadier ja zu genüge haben. „Ja, Holz!“ lacht Peter. „Davon haben wir genug!“ Er arbeitet für ein Magazin, das die neusten Neuigkeiten aus dem Abholzungsbusiness zusammenstellt. Ich will ihm das natürlich nicht glauben. Ein Kanadier im schwarzrotkarierten Flanellhemd schreibt für eine Säge-Zeitschrift. Das ist zu dick!
Grinsend drückt er mir die neuste Ausgabe von TimberWorld in die Hand. Schon das Deckblatt macht klar, dass es sich hier um schweres Geschütz für grobschlächtige Männerarbeit auf schweißgestränktem Waldboden handelt. Das ist natürlich so spannend wie sieben Stunden Lateinnachhilfe im Hochsommer, wirft aber Geld ab. Um die Gewinnmaximierung bei völliger Zeitausschöpfung auf die Spitze zu treiben, arbeitet Peter abends bei einem Catering-Service. Nordamerikanischer Kapitalismus also! Diese Woche fällt sein Kollege aus Bockgründen kurzfristig aus und da mein Outgo-Income-Verhältnis momentan sehr unausgewogen ist, springe ich ein. „Da gibt es immer hübsche Frauen zu begucken!“ zwinkert mir Peter zu. Ja, Mensch, denk ich da. Wenn das so ist. Mädchengucken fand ich ja schon immer gut. Und denen im Laufe des Abends ein zwei Prosecco unterjubeln, das kann ich. Sogar auf Englisch. Take it!
Wir treffen uns um vier in der Küche des Catering-Services. Ich werde der Belegschaft und dem Chefkoch vorgestellt. Der bietet mir standesgemäß das Du und etwas zu essen an. Das ‚Du’ ist natürlich nur gefühlt – gibt ja kein Duzen oder Siezen im Englischen, klar - aber das Reisragout ist echt. Ich pack mir was ein. „Für den Weg!“ wie Peter erklärt und löffelt kaum abgefüllt das kalte Gericht aus der Pappschachtel.
Heute soll eine Modeboutique eröffnet werden. „Jo!“ ellbogt mich Dan, der Zweite im Bunde von links an. Ich grinse blöde und als sei das noch nicht genug, zwinkere ich ihm kumpelhaft zu. Jo! Ich Vollidiot. Fehlt noch der aus der Hüfte abgefeuerte Zeigefingercolt. Insider sorgen für ein gutes Arbeitsklima, versuche ich mich bei mir zu entschuldigen, das weiß doch jeder. Modeboutique für Frauen, also!
„It`s not far from here!“ erklärt die Projektleiterin vom Vordersitz nach hinten auf die Rückbank. „Okay!“ sag ich. Mehr fällt mir beim besten Willen nicht ein. Das scheint keinen zu stören.
Nach einer knappen Stunde biegen wir links vom Highway auf ein Malstrip-Gelände ab. Hier irgendwo soll es sein. Irgendwer im Auto sagt „Awesome“. Aber das sagt sowieso ständig jemand. Ist ja auch alles awesome. Dass ich aus Deutschland komme – awesome. Dass bald die WM losgeht – awesome. Dass die Olympiade gerade vorbei ist und sowieso awesome war – awesome. Dass ich noch nie für ein Catering-Service gearbeitet habe – awesome. Dass ich Kanada ziemlich awesome finde – awesome. Dass ich mir für die heutige Arbeit ein schwarzes Hemd leihen konnte – awesome und jetzt eben angekommen an der Modeboutique – awesome.
Der Wagen kommt vor einer breiten Ladenfront zum stehen und wackelt im Stand noch sanft nach wie ein Waldmeisterpudding, der auf dem Küchentisch abstellt wird. Über der Ladentür scheint eine verschnörkelte Leuchtschrift „Fame Fashion“. Vor der Tür die ersten Gäste! Ich reiße die Augen weit auf, um das ganze Ausmaß erfassen zu können. Ich linse rüber zu Peter und dann zu Dan. Auch deren Pupillen sind groß wie Plattenteller. Modische Mode für mollige Mädels! Irgendjemand sagt ‚Fuck’.
Die Ladenbesitzerin lotst uns zum Hintereingang. Wir laden aus. Kleine cremige Fleischhäppchen mit Citronsahne-Topping, mundgerechte Kuchenstücke und Caramelgebäck. Alles drapiert auf dünnen, ovalen Silbertabletts. Kleine Servietten Rahmen dieses kalorienbombastische Stillleben. Die folgenden fünf Stunden sind schnell erzählt. Drei Männer und eine junge Dame, die zusammen etwa 300 kg auf die Wage bringen, halten silberne Tabletts in die Runde.
„Oh, I shouldn´t! Okay just one, but don´t tell anybody.“ argumentieren die Kundinnen auch noch beim fünften mal, wenn ich mit dem Tablett an ihnen vorbeistreife. Manche erkundigen sich nach den einzelnen Häppchen, ob mit oder ohne Schokolade, Fisch oder Fleisch und nehmen dann aber doch von allem etwas und das gerne mehrmals. Um die Tabletts wieder aufzufüllen, muss ich an den Umkleidekabinen vorbei, aus denen nicht selten ein ‚Awesome’ oder ‚It looks beautiful’ schallt.
Da steh ich nun voll examiniert im Fame Fashion und verteile unzählige Kalorien an übergewichtige Nordamerikanerinnen. Schon klasse so ein Examen!
Nach fünf Stunden ist die Eröffnungsfeier beendet. Und es ist gut gelaufen, erklärt uns die Filialleiterin. Die Kundschaft hat über das reichhaltige Sweetiesangebot das Geldausgeben nicht vergessen und auch noch was für die gestresste Belegschaft übrig gelassen.
Knapp die Hälfte meines verdienten Geldes wird am gleichen Abend in den großen Münzschlitz der lokalen Unterhaltungsindustrie geworfen. Die andere Hälfte investiere ich in ein zu großes, schwarzrotes Flanellhemd.
5.8.10 14:30


Nudelsalat im Dezember

Der Bund kneift unangenehm an meinem rechten Oberschenkel. Ich streich über das Hemdchen und lasse meine Hand in meinem Schoß liegen. Es ist schon 12 Uhr und mein Magen knurrt wie ein geiles Kätzchen. Die Tür schwingt auf und die Schwester kommt rein. „So, Herr Becker, na, Hunger? Die nehmen sie jetzt mal mit einem kleinen Schluck Wasser.“ Sie legt mir eine kleine Pille auf den Beistelltisch. Soll ich jetzt denken, dass die Pille gegen Hunger hilft, oder was? Ich blicke auf. Mein Zimmergenosse, den ich noch nicht zu Gesicht bekommen habe, sei noch im Aufwachraum, erklärt mir Schwester Ruth. Und sie heißt wirklich Ruth. Steht auf ihrem Krankenhausnamesschild, das neben dem Namen auch ein rundes Krankenhauslabel schmückt. Beide Ruths, die ich kenne, sind im Gesundheitsgewerbe aktiv. Dazu kommt noch, dass in verschiedensten medialisierten Arztangelegenheiten (Heinz Strunk „Aafingers“, der Kommandeur „Im Kreissaal hört alles auf mein Kommando“, etc.) immer eine Schwester Ruth protagonisiert. Und jetzt hier in echt! Erstaunlich, aber egal.
„Was ist das denn für eine Pille?“ erkundige ich mich bei ihr. „Das ist die Scheißegalpille. Dann wird die Spinalanästhesie und die OP nicht so schlimm. Da merken sie nix und sind doch dabei!“ „Hammse die aus Holland.“ witzel ich unbeholfen. „Hä?!“ „Ach, nix!“ Ich kipp Pille und Wasser. Schwester Ruth nickt. „Na, dann bis gleich.“ Sie geht und ich forsche nach Symptomen der Pille. Klasse, Drogen unter ärztlicher Aufsicht! Jetzt bloß nichts verpassen! Plötzlich geht die Tür wieder auf und ich schrecke hoch. Eine gute Stunde ist vergangen. Ich bin eingeschlafen. Scheiße! Beduselt guck ich mich im Zimmer um, das überraschend unter mir hinweggleitet. „Jetzt bleibense mal liegen!“ Schwester Ruth drückt mich zurück in eine liegende Position. Ein Zivi schiebt mich aus dem Zimmer und durch den Flur. Seine Schuhe quietschen auf dem Linoleumfußboden. Ich schlafe wieder ein und wache in der Schleuse wieder auf. Über eine Art Supermarktkassenband werde ich aus meinem warmen Bett auf einen kalten Stahltisch gefördert. Bekifft auf der Zeche Zollverein. Ich grinse. Um mich rum stehen zwei Schwestern und zwei Ärzte. „Moin!“ nick ich in die Runde. Schwester Ruth drückt meine Hand. „Ich bin nur für sie da, Herr Becker. Machen sie sich keine Sorgen.“ „All righty!“ Da drängt sich der Anästhesist ins Blickfeld. „Herr Becker, wie geht es ihnen!“ „Och, soweit...“ „Ausgezeichnet! Ich würde sagen, sie entspannen sich mal ein bisschen!“ Er drückt eine Spritze in meine Kanüle. „Es geht schon.“ Ich soll mich zusammenrollen. In dieser Rollmopshaltung schieben die Herren des Saals dann eine lang Spritze ins Mark. Ich spüre fast nix, aber immer noch viel zu viel. Dann bin ich erstmal weg.
Andi riet mir im vorhinein die Spinalanästhesie, bei der der Körper ab der Hüfte abwärts gelähmt ist, für neue Körpererfahrungen zu nutzen. „Geh dir dann mal mit beiden Händen an den Sack. Alter, das ist nicht die fremde Hand! Das ist der fremde Pimmel. Oberkrass, Alter! Ich sags dir!“
Jemand zieht an meinem Bein, so dass ich wieder halbwegs zu mir komme. Das Bein merkt davon nichts. Mein ganzer Körper wird ruckweise nach unten gezogen, so dass mein Kopf nickt. Jemand flucht. Ich denk an Andi und lang mit beiden Händen unter mein OP-Hemdchen. Zwei Gesichter schieben sich ins Bild. „Na, da ist aber jemand wieder wach.“ Freut sich Schwester Ruth und fingert an meiner Kanüle herum. Während meine Finger etwas warmes, wurstiges umspielen, versuche ich zu grinsen. Es funktioniert nicht und ich versuche es noch mal. Irgendwie hatte ich gehofft, das ganze hätte etwas mit intimer Selbsterfahrung zu tun, stattdessen fühle ich mich wie eine Wurstfachverkäuferin. Und noch eine Scheibe Fleischwurst für den Kleinen? Mein Pimmel zeigt sich auch unbeeindruckt von meiner Bearbeitung im Gegensatz zum Anästhesisten. Der übernimmt stirnrunzelnd Ruths Platz. Auch das Geziepe an meinem Bein hat aufgehört und immer mehr Menschen scheinen Bekanntschaft mit meinem Gesicht machen zu wollen. Sie gucken abwechselnd mich und dann wieder ihre Kollegen an. Ich lass meinen Pimmel los. Eine junge Schwester, die ich bisher nicht kennen gelernt habe, grinst. Ich versuche auch zu grinsen und es funktioniert. Die Ärzte nicken sich zu und schicken mich wieder ins Abseits, bevor wir uns einander vorstellen können. Ich wach erst wieder an der Supermarktkasse auf. „Alles gut gelaufen!“ kommentiert Schwester Ruth meinen Versuch den Kopf zu heben. „Jetzt sollten sie erstmal ausschlafen.“ Ich werde in den Aufwachraum geschleust und neben einer alten Oma geparkt, die so laut schnarcht, dass ich mich wundere, dass sie bei dem Lärm schlafen kann. Ich kann es nicht und liege drei Stunden unbeweglich da. Alle fünfzehn Minuten kommt jemand und rät mir zum Schlaf. Meine Beine sind taub, wenn ich mit meinem Pimmel spiele wird mir schlecht und die Platten an der Zimmerdecke hab ich schon fünf Mal gezählt. Es sind 23.
Morgen ist Weihnachten.
12.2.10 16:55


Profilneurose

Web2.0
Klar, da ist schon viel drüber geschrieben worden. Schlimm hieß es da. Aufgabe der Privatsphäre! Eine ganze Generation stellt Intimitäten ins Netz und setzt damit einen stattlichen Haufen auf die Antivolkszählungsdemos der Eltern! Dududu, zeigefingerte das nationale Zeitungsgewissen. Großes Rätselraten an allen Fronten der alten Medien, ob das mal ein gutes Ende nehmen könne.
Zwei, drei Jahre später scheinen sich alle wieder eingekriegt zu haben. Merkel und Obama bloggen über ihre internationalen Kumpelschaften und versuchen junge Wähler anzugruscheln. Eltern stehlen ihren Kindern auf Facebook nach. Führende Feuilletons erklären ihren verbeamteten Lesern im verständlichen Sparkassendeutsch wie der Vatter im gehobenen Dienst durch penible Dauerdokumentation zum virtuellen Dandy aufsteigt. Und Freunde meiner Eltern bitten mich um Facebook- oder StudiVZ-Freundschaften.

Jetzt weiß ich, dass Ralf (52, Jahrgang oder Alter, ist egal) heute einen schweren Tag hatte – puh – aber morgen zum Entspannen für ne Woche nach Westerland reist. Hat er sich verdient, meint Gabi und schickt noch ein hirnverbranntes Smily hinterher. Klar will sie „Beweisfotos“! Wollen wir doch alle, Ralf! Die 103 Fotos starke Dokumentationsbatterie wird noch auf dem Eiland hochgeladen. Da sitz also dieser Ralf auf seinem Hotelzimmer irgendwo auf Sylt und anstatt seine Nase in den salzigen Wind zu halten oder ein Bier zu trinken oder seine Freundin zu ficken, lädt er Bilder hoch. Sansibar, Gosch, Wind, Wellness. Da war er wohl dabei. Krass, Ralf! Und das will er uns doch sagen, wie oberkrass er ist. Oberkrass, Ralf!
Aber eigentlich ist mir Ralf auch egal. Soll er machen, was er will. Für den einen der Dandy für den anderen das Würstchen! Mir sind alle Ralfs dieser Welt egal!

Was mich wirklich nervt, ist, dass man einmal angemeldet, stetig zum Teilhaben an fremder Leben genötigt wird. Man könnte ja was anderes machen. Macht man aber nicht! Bei der sonntäglichen Exekution in Frankreich des 16. Jahrhunderts haben sich bestimmt auch alle aufgeregt, dass man sich das eigentlich nicht mehr antun müsse und am nächsten Sonntag waren alle wieder da.
Konkret zwingt mich dieses Plattformgesurfe ständig die Lebensläufe der Frauen zu sehen, mit denen ich mal was hatte. Und das soll nun wirklich nicht sein.
Ich will nicht wissen, mit wem Katharina jetzt in die Kiste steigt. Wir waren eh nicht lange zusammen und später an sie gedacht, hab ich fast nie. Jetzt sind wir Studi-Freunde und ich weiß, wer nach mir alles ran durfte. Diese Typen zu identifizieren ist so einfach wie Spannen am FKK-Strand. Wenn die auf 15 verlinkten Fotos immer den gleichen blonden Sakkoträger im Arm hat, darf der rein. Dabei sieht der aus, wie eine echte Vollpflaume. Ich meine sogar, auf einem Bild einen abgeschlossenen Riesterrentenvertrag aus seiner Tasche winken zu sehen.
– Aber die Werbung sagt doch, dass das so ne Rente mittlerweile echt voll angesagt ist, ey.
Und wenn man nur fleißig genug in die Röhre schaut und Mama einem, seit dem man sechzehn ist, immer wieder neue C&A Jacketts in den Hensvik-Schrank gehängt hat, dann glaubt man das auch.
Rock`n`Roll, Katharina!

Die Ulli war da schon etwas ernster. Und so schaut sie auch auf ihrem Profilfoto. Das sieht nach 13 Semester Erziehungswissenschaften und mindestens 15 Semestern Langeweile aus. Um das zu kompensieren, feuert sie drei mal täglich die wichtigsten Unwichtigkeiten aus ihrem Pressspanmöbelleben in den allumspannenden Buschfunk, sodass alle Studi-Freunde auch auf dem Laufenden bleiben, wie es so läuft mit ihr und ihrem Schatzi. Und das schreibt die echt. Schatzi! Solange noch Menschen das Wort Schatzi in ihrem Wortschatz haben, braucht sich die FDP keine Sorgen machen, glaube ich.

Anna und Rieke sind da schon stilvoller und haben ihre Profile gesperrt. Da muss man dann erst anfrage, ob man drauflinsen darf aufs Lebensarchiv. Das trau ich mich aber nicht. Wie steh ich denn da. Als hätte ich sowas nötig. Außerdem hab ich Angst hinter dem nächsten Link wieder einen Ralf im Arm von Anna zu sehen.

Rar macht sich nur die einzig stalkwürdige Frau. Außer ihrem Profilfoto gibt es nicht viel zu sehen und auch das ist in so schlechter Auflösung, dass kein Zoomen näheren Aufschluss über mögliche Faltenbildung im Mundwinkelbereich oder leicht Gewichtszunahme geben könnte. Kein Eintrag zu Lieblingsplatten oder Büchern. Kein Vermerk zu irgendwelchen Verkupplungen. Selten ein Kommentar zu einem fremden Foto oder einem Profileintrag. Sie gibt nichts von sich preis, verdammt. Dabei will ich alles wissen. Wo sie ist? Was sie macht? Mit wem? Wann? Wie oft?
Baby, denke ich und küsse sie auf den Mund.
28.10.09 00:37


Die Nase liegt zwischen den Ohren

Der Nasenhaarspender ist in dem neusten Fall von Kriminalhauptkomissarin Heike Chong als Selbstmordattentäter unterwegs.

Ohröffner Folge 45

Die Abmischung ist leider zu leise, aber der Fall ist brandheiß!
28.10.09 00:50


2WEEKSlater oder Zur Sache, Schätzchen oder Geknutscht wird später

Am Montag hatte ich meine letzte Fachprüfung! Ich hatte mich wieder mal drei Wochen aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen. Wie ein ausrangierter Raucherbahnwagon auf dem Abstellgleis saß ich am Schreibtisch. Die Sonne blinzelte durch mein großes Fenster und hatte eine Schar Kinder an der Hand, die sie ins Freibad begleitete. Ich ließ das Rollo herunter. Jeden Tag! Jede Woche!
Doch heute war Montag und damit Schluss! Die Prüfung war erst um 15 Uhr. Die beiden Professorinnen waren gut gelaunt, ich war gut vorbereitet und so lief die ganze Veranstaltung rund wie ein praller Lederball auf englischem Rasen.
Bis auf sieben einsame Biere ist in den drei Wochen sonst nichts passiert!
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Nach mehreren Wochen war sie wieder mal zu Gast bei ihren Eltern. Die Reise von der großen Stadt bis in die provinzielle Heimat war immer mit einem gewissen Aufwand verbunden. Wie jedes Mal wurde auch jetzt ein Sommerfest in einem der 8km entfernten Nachbardörfer gegeben. „Da triffst du doch alte Freunde!“ Hatte ihr alter Herr gesagt und dabei wie der gute Harry Houdini geklungen, der gerade seine reizende Assistentin in die Sägekiste sperrt. Na gut, Meister, dachte sie und machte sich kaum zu Hause angekommen auf den Weg.
Vor Ort waren die meisten schon betrunken. Ein alter Mann kotzte auf die Festwiese. Er war dabei so rhythmisch, dass man mit geschlossenen Augen denken konnte, zehn Busenfrauen kippten sich nacheinander zehn Eimer Wasser auf ihre weißen T-Shirts. Die Illusion klappt aber wirklich nur mit geschlossenen Augen, dachte sie. Kurz vor dem Zelt in der Mitte der Wiese sprach sie ein gut aussehender und auffallend nüchterner, junger Mann an. Er hieß Maurice. Das war hier etwas besonderes, weil sonst niemand in der Gegend Maurice hieß. Es sollte keine Gegend geben, dachte sie, in der jemand Maurice heißt. Das dachte sie aber nur kurz. Sie kannte ihn vom Sehen, weil sie mit seiner Schwester zur Schule gegangen war. Das schuf den beiden Gesprächsstoff. Eine viertel Stunde so genannter Openergesprächsstoff, der nur dazu dient, auf etwas anderes zu kommen, über das man sich unterhalten kann, ohne dass man das Gefühl hat, seine Zeit zu vergeuden. Sie fanden aber nichts. Auch nicht nach einer weiteren halben Stunde verprassten sie, als hätten sie im Zeitlotto gewonnen und könnten ohne auf die Uhr zu sehen, mit jedem, der vorbei gelaufen kommt, 30 Minuten verjubeln. „Komm, ich kann dich nach Hause fahren.“ Sagte er irgendwann, viel zu spät. Im Auto säuselte Elvis Costello aus den Boxen. „Das ist aber nicht der direkte Weg!“ stellte sie wie eine Stichwortliferantin in einem Lustspiel fest.
„Wir fahren zum Strand! Sternschuppen zählen!“
„Mhm!“
Er parkte auf einem kleinen Parkplatz oberhalb des Strandes und lief vom Auto vor bis zur Wassermarke. „Eins! Da ist eine Sternschnuppe!“ rief er und lachte. Sie lief weniger schnell und stellte sich neben ihn. „Da ist auch eine!“ sagte sie und deutete nach oben. „Da ist auch eine!“ flüsterte er, legte seinen Arm um sie und betrachtete sie. „Du bist schon eine süße Maus!“ „Und da ist auch eine!“ rief sie, deutete nach oben und wand sich aus seiner Umklammerung. „Damit habe ich gewonnen und wir können nach Hause fahren.“

„Süße wäre ja rein theoretisch noch drin gewesen. Das ist noch im okayen Bereich.“ Erzählt sie mir im Nachhinein. „Aber Maus?! Nene! Gott sei Dank hab ich den nicht ausgelacht, sonst hätte der mich möglicherweise nicht mehr nach Hause gefahren. Der Maurice!“
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Letztens hab ich mir Ohrstöpsel gekauft und sie einen Tag Probe getragen. Ich musste nichts hören. Keine Autos, keine Gespräche, kein Gehuste, nur meinen Atem. Dabei hatte ich drei Beinahunfälle. Außerdem konnte ich die kleine Frau beim Sex nicht mehr hören. Das macht doch keinen Spaß, dachte ich und gab die Stöpsel zurück.

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Dogma No. 1:

Schreiben - 1mal lesen - bloggen
24.5.09 13:52


Die KLANGSPORT Revue

- Ein Musiktheater-Hörerlebnis der besonderen Art -


Uraufführung
Freitag, 24. April 2009 um 20:30 Uhr
Samstag, 25. April 2009, 20:30 Uhr
Freitag, 01. Mai, 20:30 Uhr
Samstag, 02. Mai, 20:30 Uhr
Sonntag, 03. Mai, 20:30 Uhr
in der Stadthalle Lotharinger Straße 17 in Münster
Was ist Klangsport?
Was ist KLANGSPORT?
Musik? Wettkampf? Theater? Eine Kunst? Eine Philosophie? Eine Feuerversicherung?

„Die Geräuschkulisse, die sich beim Hallensport natürlicherweise und unwillkürlich ergibt, ist faszinierend“, entdeckte die Regisseurin Marina Sahnwaldt und entwickelte die neue Disziplin – KLANGSPORT.

Eine völlig andere Art von Musiktheater, ein neues Hörerlebnis für ungeübte und geschulte Ohren bieten die Klangsportler, wenn sie den Schienbeinblues erklingen lassen, biografische Hüpfer durch die Halle fliegen, ein Orchester aus Basketbällen mit seinem Sound die Halle erfüllt und mit seiner Lautstärke den inneren Schweinehund aus der Halle jagt.
Klänge entstehen aus dem Schieben von Sportmatten, dem Prellen der Bälle, dem Jonglieren mit Holzstäben, Hula-Hoop, Fechten, Tai-Chi und vielem anderen mehr. Sie werden ergänzt durch das schrille Pfeifen des Schiedsrichters oder die Atemlosigkeit nach einem Sprint.


Aus diesen Geräuschen, die rhythmisch arrangiert, musikalisch choreografiert, nach Tonhöhen sortiert und sich in einem natürlichen Surround um das Publikum herum bewegen, entsteht klar die neue Disziplin KLANGSPORT. Gemeinsam mit den Komponisten Stephan Froleyks, Markus Kuchenbuch und Kai Niggemann begann Marina Sahnwaldt im Januar 2009 mit 20 sportlichen Musikern und musikalischen Sportlern eine akustische Entdeckungsreise durch den Sport.
Jetzt ist es so weit! Wir präsentieren die erste KLANGSPORT Revue! Und laden Sie ganz herzlich dazu ein!

Uraufführung

Freitag, 24. April 2009, 20:30 Uhr, Einlass ab 20:00 Uhr

Stadtsporthalle Lotharinger Straße 17, 48147 Münster

Weitere Termine

Samstag, 25. April,
Freitag, 1. Mai,
Samstag, 2. Mai und
Sonntag 3. Mai 2009 jeweils 20:30 Uhr

Stadtsporthalle Lotharinger Straße 17, 48147 Münster

Kartenvorverkauf: Münster Information, Stadthaus 1, Tel. 02 51-4 92 27 12

Eintrittspreise: 11,- Euro / ermäßigt 8,- Euro


Mitwirkende:

Klangsportler/innen:
Jule Balandat
Dennis Becker
Alina Berger
Friederike Buettner
Scarlett Fastenrath
Luise Hänel
Anna Imhoff
Barbara Kiwitt
Markus Kuchenbuch
Marcel Mohn
Coskun Özdemir
Daniela Prost
Tobias Richter
Frederike Schmelzer
Katja Schnier
Konstantin Schumann
Oliver Schwantge
Stefan Stasick
Sarah-Mareen Weiss
Jennifer Whelan
Robert Wieczorek

Regie: Marina Sahnwaldt
Regieassistenz: Jule Balandat
Musiker/Komponisten: Stephan Froleyks, Markus Kuchenbuch, Kai Niggemann
Texte: Marc-Sebastian Schneider
Bühne: Tina Toeberg
Licht: Johannes Sundrup
Lichtassistenz: Moritz Hesse
PR/Presse: Antje Ludwig
Produktionsassistenz: Jule Balandat
Tonassistenz: Mathias Whelan
Ton-Praktikant: Fabian Kollakowski
Sport-Beratung: Dennis Becker

Bitte beachten: Hohe spitze Absätze hat der Hallenboden gar nicht gern.

Beim WDR und im Netz:

http://www.wdr.de./studio/lokalzeitnrw/index.html

Internet: http://klangsport.blogspot.com
22.4.09 11:19


Zwischendurch

Bei Marius geht es langsam in die heiße Phase. Doktorarbeit in Physik.
Zwei Wochen vor Abgabe passiert es dann aus heiterem Himmel. Sein erster Arbeitsunfall:
„Ich habe drei Tage lang meinen Eigenzustand gesucht.“ Wird er mir im Nachhinein erzählen und lachen.
Sein Doktorvater (kurz DV) bewilligt zum Glück eine kurzfristige Verlängerung.
__________

Ich fahre mit dem Fahrrad durch die Innenstadt. Right on the principal market! Die Pflastersteine rumpeln bis in den Kopf. Meine Klingel schellt unbedient. Der Kommandeur rumpelt neben mir. An der Ecke bei der Dresdner Bank steht eine Pärchen am Zebrastreifen und küsst sich zärtlich. Ein schöner Anblick. Bei den Arkaden bietet sich uns das gleiche Bild mit anderen Protagonisten.
„Boar, überall Küsser.“ Stellt der Kommandeur leicht entrüstet fest.
„Es wird Frühling.“ Orakel ich. „Und in zwei Wochen stehen wir hier auch. Warte mal ab.“
„Mal gucken mit wem.“
„Vielleicht stehen die Frauen da immer und man kann die einfach küssen.“
„Stimmt, wie Aschenbecher, nur eben fürs Küssen.“
6.3.09 16:02


samstags

Mitten in Bremen

Auf einem kleinen Fenster im ersten Stock steht mit Kreppband geschrieben: ICH LEBE WIEDER
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Danach

Es ist samstags.
Ich sitze in einem kleinen Cafe mit lautem Barpersonal und lese.
Die Kaffeemaschine zischt.
Wenn die Sonne gerade mal nicht durch das Fenster scheint, regnet es durchsichtigen Pflanzensprühflaschenregen.
Als erstes merken so was die Brillen, die vor dem Fenster spazieren und spannen ihre Schirme.
Alle anderen bleiben noch unbehütet.
Ein heterosexuelles Heldenpaar aus England setzt sich an den Tisch neben mir und trinkt Heineken.
Es ist kurz nach zwei.
Über der Eingangstür hängt eine Regenbogenfahne.
Ich lese „Sprache und Geschlecht – Die Unilektüre“.
Der beleibte Mann mit der dunklen Schirmmütze, der gegenüber am Stehtisch steht, grinst mich an, als er den Buchrücken sieht.
Ein Stiernacken von einem Buchrücken, denkt er vielleicht.
Ich zahle und bedanke mich hastig für das Klischee.
____________________

Vor der Tür

Der Lehrer trägt ein braunes Cordsakko.
Und es ist ihm ernst damit
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Anweisung zur samstägigen Tugend

Ballen sie ihre Hand zu einer prallen Faust.
Führen sie diese ohne größere Umwege zum Mund.
Beginnen Sie nun mit einem leisen Lachen.
Gebrauchen sie dabei nicht das übliche Ha oder das bauchige Ho, sondern artikulieren sie ein breites He oder ein spitzes Hi.
Glückwunsch!
Sie haben sich erfolgreich ins Fäustchen gelacht.
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Daheim

Die kleine Frau schaut vom Computer auf, als ich die Türe aufschließe:
„Manno, ich saß den ganzen Tag am Schreibtisch und hab in Gedanken geschlafen.“
1.3.09 15:43


Wir sind der Kalte Krieg

„Dreizehnuhrelf geht der scheiß Zug los, dann steht ihr bei den Mädels auf der Matte!“ Befiehlt mir Benni am Sonntag. Bekacktes Karneval, denk ich und stimme zu. Das geht auch nicht, dass man Benni widerspricht. Wenns ums Saufen und Bützchen Verteilen geht, lässt er nicht mit sich spaßen. Jeden Hauch eines Einwands spült er mit einem „MÄNNER!“ über Bord, wobei er sehr viel Wert auf die ausgeprägte Intonation des Äs legt. Das käme vom Fußball, erklärte mir Torsten irgendwann mal. Da würde man ständig jemanden an- oder umähen. Da ist er im Training. Ähhh Schiri… Aha!
Morgen also Saufen! Nagut, morgen Halsprozess wäre wirklich schlimmer und der verhasste Spaß auf Knopfdruck – Karnevalseffekt stört nach dem ersten Liter auch keinen mehr. Der Kommandeur will mich um 12 Uhr mit seinem Auto abholen. Wir brauchen noch eine Verkleidung. Er ist eine halbe Stunde zu spät und guckt etwas ungeduscht aus seiner Wollkappe hervor als ich ihm die Tür aufsumme. Von Flusens Party ist noch ein Kasten Hans A über. Der muss mit. Kein Problem. Ich steige ins Auto. Aus den Boxen plärrt lauthals Keith Flint „smack my bitch up“. Ich nicke. Der Kommandeur nickt. „Ich muss mal langsam nen bisschen drauf kommen.“ Schreit er gegen seine Bassröhre an und dreht lauter. Außer einem kurzen Grinsen vom Kommandeur als ich merke, dass er geknattert hat, findet während der ganzen Fahrt keine Konversation statt. Die Musik ist zu laut. Wir fahren zu Kik um die Ecke. Da kriegt man ein komplettes Kostüm für drei Euro. Und mehr ist gerade auch echt nicht drin für so ein Scheiß.
Angekommen empfängt uns ein Gespräch zwischen zwei Verkäufern. „Diese bekackten Studenten. Die nehmen uns mit ihren Aushilfsjobs die ganzen Arbeitsplätze weg. Erst wir! Dann die!“ Der andere nickt. Wir nicken auch, weil wir immer noch die Musik der Fahrt im Ohr haben.
Nun also ein Kostüm! Siamesische Zwillinge sollen es werden. Ein T-Shirt XXL, zwei Jogging-Hosen, zwei Plastikwummen mit kleinen Kugeln und zwei Schaumstoffschwerter. „Die Waffen kann man immer gut gebrauchen, um Benni zu ärgern und der checkt mal wieder nicht, wo was her kommt.“ Verspricht der Kommandeur an der Kasse. Wir fahren zu ihm, bringen das Auto weg und drapieren unsere Verkleidung.
„Hm“, sag ich. „Wir brauchen noch eine Geschichte. Wir sind siamesische Zwillinge und sind verfeindet.“
„Klar, deswegen die Waffen. Wir rüsten auf.“
„Wir sind im Kalten Krieg.“
„Wir sind der Kalte Krieg!“
„Perfekt, die siamesischen Zonenbastarde aus den überschätzten 80ern.“
„…aus dem beschaulichen Dorf Nuttenstädt an der Oder.“
„Gezeugt von einem Ami und einer Russin.“
„Allein gelassen im Grenzgebiet zerstreiten sie sich im Alter von sieben und rüsten seit dem auf.“
„Du bist Michail Michalowitsch und ich bin Michael Mitchell.“
„Du und ich, wir sind der Kalte Krieg.“
Diese Erkenntnis über unser gemeinsames Kostüm bleibt das Highlight des Tages. Wir überlegen noch kurz Beine unserer Hosen zusammen zu tackern. Das klingt uns dann aber beiden zu gewagt. Stattdessen male ich dem Kommandeur noch Hammer und Sichel und er mir Sterne auf die Wange. Wir tragen den Kasten vom Kommandeur zu den Mädels um die Ecke. Es ist vierzehn Uhr und der Zug ist fast vorbei. Benni macht die Tür auf. Er ist als Bauarbeiter mit Blaumann und gelben Helm verkleidet: „MÄNNER! Ihr seit zu spät.“ Er nimmt einen ordentlichen Schluck Bier. „Ich bin schon fast voll! Noch nicht gefrühstückt. Mann, seht ihr scheiße aus. Den Kasten könnt ihr dahin stellen.“
Der Kommandeur setzt mit seiner neu erworbenen Knarre einen gekonnten Schuss aus der Hüfte direkt an Bennis Helm. „Ey, was war das? MÄNNER!?“
Der Rest des Tages ist dann Karneval. Wie das halt so ist. Voll! Voll bescheuert!
25.2.09 21:06


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Jetzt, hier! Aber endlich auch mal!
Kurz bevor Amazon ihren Kindle auf den deutschen Markt werfen kann und damit der guten alten gutenbergschen Tradition den Gar ausmachen will, veröffentlichen eine Bloggerin und sechs Blogger ihr gemeinsames Buch zum Blog und setzten damit einen großen stattlichen Haufen auf das prognostizierte Ende der gebundenen Lesefreude!
Den Trailer zum Buch zum Blog gibt`s HIER!
Die Bestellung vom Buch zum Blog gibt´s DA!
4.11.08 17:31


Bierfest

Die Klausur war ein totaler Reinfall. „Scheiße!“, flucht Raskolnikow. Wir stehen vor dem Institut in der Sonne und qualmen kleine Zornwolken in den blauen Himmel. Sogar Chris zieht zwei- dreimal an meiner Zigarette. Der Prof hatte sich nicht an die Absprachen gehalten und uns Aufgaben losgelöst vom gelernten Themenblock gestellt.
„Ich geh da jetzt hoch und erzähl dem, wie scheiße ich das finde!“ verabschiedet sich Raskolnikow und verschwindet im Gebäude, um besagten Prof einen Besuch abzustatten.
„Hoffentlich ist der nicht da!“ grinst Chris und gibt mir meine Zigarette zurück. „Nich da!“ bestätigt Raskolnikow eine Minute später. Er hatte am meisten von uns gelernt und bekam die abwegigste Frage. Er zieht die Brauen tief ins Gesicht und sieht aus wie ein Menstruationsproblem. Jetzt erstmal Mensa und dann gepflegt nichts tun und sich mental auf den Abend vorbereiten.

Schon im Vorhinein hatte Raskolnikow das Motto für dieses Nachklausurtreffen festgelegt.
„Motto des Abends ist ‚Bierfest’! Ahh, großartig. Das gibt das volle Programm: Saufen mit Kotzen und Hinfallen.“

Gegen vier Uhr verabschiedet er sich. „Ich geh schon zu Micha.“
„Wie? Was ist denn mit später?“
„Heute abend ist noch WG-Party bei Rolle, da wollte ich auf jeden Fall noch hin. Vielleicht komm ich dann noch hier vorbei. Mal schauen. Wir sehen uns auf jeden Fall später im Club oder so. Lass noch mal telefonieren.“

Am Abend sind ungefähr fünfzehn Leute auf unserem Balkon. Drei haben je einen Kasten Bier mitgebracht. Irgendwer kommt noch mit Cola und Ouzo an.
„Ich trink heute nur Mische!“
„Moment mal. Heute ist Bierfest angesagt.“
„Heute ist Mische angesagt, Freundchen!“
Ich kenn den Typ nicht. Tom hatte den angeschleppt. Machte erst einen ganz vernünftigen Eindruck, nur diese Mischenummer ist irgendwie unpassend. Er guckt eher wie ein Bierchen, denke ich und nicke. Er bietet mir sein volles Colaouzoglas an. Ich nippe. Es schmeckt nach Salmiak mit Schnapsatem. Wortlos gebe ich das Getränk zurück. Er grinst überzeugt. Ich trinke einen tiefen Schluck aus meiner Flasche. Das ist besser. Wir reden über Thailand, die Vorzüge der dtv-Ausgaben gegenüber Reclam, Sex im Audimax, später über H&M und die abartige Verschuldung auf Grund von hohem Lebenstandart im Studium, der sich nicht im geringsten mit der vorherrschenden Finanzkraft deckt.
„Mein Dispo gehört mir!“ propagiere ich etwas schief in die Gruppe.
„Wir gehen jetzt!“, erwidern die Mädchen. „Los! Auf! Inn Klup!“

Da ist entgegen unseren Hoffnungen mal gar nichts los. „In den Raucherraum! Rauchen!“ versucht der KOMMANDEUR die Situation zu retten. Doch auch da ist nach vier Bier der Hahn zu und wir ziehen stark dezimiert in die Artillerie-Bar um. Da ist zwar auch nichts los, aber das Bier ist billiger und das Publikum noch kaputter. „Das passt jetzt besser!“ schnauft Chris.
Wir setzten uns an einen Tisch mitten im Raum. Von der Bar stürzt ein junger Typ mit Turbojugend-Jeansjacke auf uns zu.
„Habt ihr Stöpsel?“
„Wat für Stöpsel!“
„Ja, hier Ohrenstöpsel! Ich muss dem Typ da was zeigen!“ erdeutet auf einen langen hageren Mittdreißiger, der sich angeregt mit einem Unterlippenpiercing unterhält. Es geht um Musik.
„Ey, Alter. Der kennt Blackmail nicht. Das ist doch einfach der Wahnsinn.“
„Wahnsinn!“ sag ich.
„Wahnsinn!“ echot der Kommandeur. „Nee, ham wa aber nicht.!“
„Was?!“ er dreht sich wieder zu seinen Kumpels. „Das gibt’s doch gar nicht…“
Hinter uns sitzt ein Gruppe Peruaner. Chris dreht sich um: „Hola. Que tal?“ Da kommt der Turbojunge wieder rüber:
„Ich setz mich mal zu euch. Der macht mich fertig.“
Das finde ich gut und sage: „Mach das doch mal. Wieso ist denn Blackmail gerade so wichtig.“
„Entschuldigung, aber Blackmail ist doch wohl unsere letzte Hoffnung!“ orakelt er.
„Außerdem ist Blackmail eine ganz hervorragende Band.“
„Das stimmt.“
„Ich bin Cutter. Aus Köln!“ stellt er sich vor. „Cutter von Blackmail!“
„Cutter von Blackmail?! Was macht man denn so als Cutter von Blackmail!“
„Naja, Musikvideos von Blackmail cutten und so was. Gerade machen wir ein Projekt, da geht’s um die Frage, warum Rockmusik in Deutschland nicht funktioniert. Bzw.“ Seine Mimik wird dramatisch. „Warum deutsche Rockmusik nicht funktioniert.“
„Tut sie das nicht?“
„Na hör mal!“ schiebt sich das Unterlippenpiercing an unseren Tisch und in das Gespräch. „Wenn du in den Staaten jemanden nach deutscher Rockmusik fragst, dann kennt der Nena, Kraftwerk, Rammstein und die Scorpions. Das geht doch mal gar nicht.“
„Das geht aber so was von gar nicht!“ sagt der Cutter.
„Das geht wirklich nicht!“ bestätige auch ich. „Und Blackmail greift uns und der Welt natürlich da jetzt kräftig unter die Arme, ja?“
„Ja ne. Das wird ja auch wieder nichts. Das läuft hier halt nicht so wie in England oder so. Da gibt’s nen bestehenden Markt für so was. Siehste ja, was da gerade los ist. Sogar die Skandinavier kriegen das besser hin als wir.“
„Ey, aber dafür haben wir the Notwist! Die haben wenigstens den deutschen Indiepop gerettet. Die hörste auch in New York.“ weiß ich.
„Stimmt, die sind gut.“ Nickt das Piercing. „Aber dann frag mal Person XY in New York nach the Notwist. Der kennt dann auch nur wieder Rammstein.“
„Wen interessiert denn XY?“ unterbricht ihn der Cutter.
Eine Diskussion genau nach meinem Geschmack und Vollheitslevel. Chris und der Kommandeur kümmern sich derweil um Peru.
Plötzlich knallt die Tür auf. Raskolnikow platzt in den Raum voll wie ein Freizeitpark im Juli.
„Zweitausend Bier!“
„Was?“ erkundigt sich die Barfrau.
„Dreitausend Bier, sag ich!“ brüllt Raskolnikow.
„Ich komm gleich!“
Er wankt zu unserem Tisch. Sein Gang ist unsicher. Er grinst.
„Na, ihr Kotnascher! Ey, ich hab doch gerade ein Bier bestellt?“
„Ja, wieso?“
„Ja, Scheiße! Wo isn das!“ Er setzt sich nach Peru. „Mi nombre es Raskolnikow y Yo vengo desde el espacio.“ (Mein Name ist Raskolnikow und ich komme aus dem All! Mehr kann er nicht. Hat er von einer Alf-Kasette!)
Ich dreh mich wieder ins Gespräch. Es geht jetzt um die Definition von deutschem Rock. Vergeblich versuche ich Tomte, Kettcar, Pale und Element of Crime als Pop zu klassieren als sich Raskolnikow an unseren Tisch setzt. Er beäugt den Cutter und beugt sich über den Tisch an mein Ohr: „VORSICHT! Der sieht aus wie meine Exfreundin!“ Er brüllt und deutet auf den Cutter. „Der ist schwul. Das sach ich dir. Oh, wenn der Brüste hätte. VORSICHT!“
Ich nicke in die Runde. „Jaja, wir reden gerade über den deutschen Rock. Sag du doch mal was dazu.“
„Also, wenn ich ehrlich bin. Dann ist mir der deutsche Rock ziemlich Scheißegal. Aber so was von. Scheiß auf Musik aus Deutschland.“
„Was ist denn mit den Beatsteaks?“ frag ich ihn.
„Ja, gut. Die nehm ich raus. Die sind gut.“
„Und Jennifer Rostock?“
„Ja gut!“
„Und Sport und Turbostaat und Siva und…“
„Ok. Ich scheiß aber trotzdem drauf.“ Das Thema ist für ihn abgehakt und meine beiden Gesprächspartnerhaben auch keine Lust mehr.
„Morgen arbeiten.“ Entschuldigen sie sich.
„Hähä!“ lacht Raskolnikow. „Lass auch mal gehen. Wir müssen irgendwo noch was trinken. Aber nicht hier.“ Er geht raus. Ich zahle und komm mit Chris nach. Vor der Tür liegt Raskolnikow der Länge nach neben seinem Fahrrad. „Hoppla.“ Chris schnappt sich sein Rad und parkt sein Vorderrad auf Raskolnikows Kopf. „Ey, du Penis.“ Er rappelt sich auf. „Hehe, Saufen mit Kotzen und Hinfallen.“ Er steckt sich den Finger in den Hals. Nichts passiert. Er flucht und schwingt sich auf sein Rad. „Wir sehen uns zu Hause, ihr…“ Er nutzt die ganze Straßenbreite. Zu Hause angekommen sitzt Raskolnikow in Boxershorts und Unterhemd mit David Hasselhoff Aufdruck am Küchentisch. Er schläft. Wir bringen ihn ins Bett. Die zweite Pflicht des Abends bleibt unerfüllt.
18.9.08 23:58


Nasebohren schützt nicht vorm Examen...nicht mehr!

Sitze am Schreibtisch und versuche krampfhaft die Realität zu einem ästhetischen Ideal zu verklären.

Schmidt vergreift sich dreist an Goethe und dirigiert Storm, der ständig aus der Reihe tanzt. „Gleich gibt’s links und rechts…!“ brüllt Julian und schmeißt den dicken Wälzer von Geppert Richtung Fontane. „Pass bloß auf du!“ „Alter Wichser!“ kichert Jakobson, der seine Hose bis zu den Knien gezogen hatte und stolz seinen kleinen Löhres an die Scheibe drückt. Er winkt. „Jetzt ist hier aber langsam Schluss“, tönt Lehrer Moritz, der soeben den Kopf betreten hat. „Alle Mann raus auf den Spielplatz! Gruppenfoto auf der neuen Wippe! Raabe und Vischer sind schon unten!“ Widerwillig trottet die Meute aus dem Raum.

„Morgen um die Zeit ist der Scheiß auch endlich vorbei“, denke ich und blättere um.
8.9.08 15:40


Blog:Read Podcast 2006

Ulf hat vor zwei Jahren einen alten Text von mir vertont. Und das ohne zu Fragen, der Schlingel! Hab das Stück Ton erst gestern gefunden. Text, Musik und Stimme sind also schon zwei Jahre alt, der LINK ist aber ganz neu!
21.8.08 22:18


Königreich Wilhelmsburg

Die Sonne schien. Ein wunderschöner Nachmittag ließ seine Beine in einen kleinen Ableger der Elbe baumeln. An den Bierständen war wenig los. Das Zapfpersonal vertrat sich ein wenig die Beine. Auch mal Musik hören! Allerdings war die Bühne gerade leer. Musikentleert aber tüchtig wuselten eine Hand voll Arbeiter über die Bretter, schoben und zogen, räumten und stellten, so dass der Umbau in den geplanten 10 Minuten gemacht war. Gisbert zu Knyphausen hatte gerade gespielt, die Fotos sollten nun folgen. Seit zwei Uhr legte im Dockville schon ein DJ auf und beschallte den Vorplatz, von dem man einen wunderschönen Blick auf die Industriekulisse auf der anderen Wasserseite hatte. Die hölzerne Häuserfront wurde nur für dieses Wochenende zusammengeleimt und aufgestelzt. Ein paar Unsortierte saßen auf den Stufen der Veranda. Der Bass summte über die wenigen Bäume die vereinzelt im Weg standen und streichelte die hohen Hecken, die das Gelände zu beiden Seiten begrenzte. Fünf oder sechs Mädchen mit langen Haaren scharten sich um den Eingang der Siebdruckwerkstadt. Zwei Männer, der eine im Nadelstreifenanzug, der andere in kurzer weißer Sporthose, engem Nylonhemd, Krawatte, Pilotensonnenbrille, Schweißband im Haar, und Stulpen an den Beinen tanzten mit kleinen Bewegungen vor dem DJ-Pult.
Die kleine Frau rauchte neben mir ihre Nichtraucherzigarette. „Der heutige Tag ist wie eine Eckkneipe in der Nichtraucherzone.“ Schmauchte sie neben mir. Ich blinzelte und nippte an meinem Bier. Wir saßen etwas abseits auf dem Boden und hatten unsere Schuhe ausgezogen. Ich freute mich schon auf State Radio, die ich bereits vor zwei Jahren einmal live gesehen hatte. Damals kamen wir etwas zu spät und konnten nur noch zwei Songs erleben bis der einsetzende Regen einen Kurzschluss verursachte und die Beschallungstechnik lahm legte. Doch heute blies die kleine Frau den Rauch in den wolkenlosen Himmel.
Ich lehnte mich zurück und stieß an den Rücken eines jungen Mannes der prompt neben mir auf den Boden rutschte. Er war etwas jünger als ich und verschwitzt. Sein Haar klebte an seiner Stirn. Der Oberkörper und die Füße waren nackt. In der linken Hand hielt er ein braunes, geknülltes T-Shirt. Es war klätsch nass. Eine dünne Dreckkruste hatte sich in seinen Mundwinkeln angesammelt.
„Willste mal riechen?“ schnarrte er und guckte mich mit zusammengekniffenen Augen an. Er machte einen einigermaßen dichten Eindruck.
„Nee.“
„Is von Gisbert!“ Er nickte.
Ich nickte auch. „Aha.“
„Willste jetzt mal riechen?“
„Nee, immer noch nicht!“
„Gisbert ist ein König! EIN KÖNIG!“
„Ahso.“
„Ja, ein König. Ich geh zu Gisbert und sag: ‚Gisbert, du bist ein König!’ Sacht Gisbert drei Worte: ‚Tomte ist scheiße!’ ‚Ja’, sach ich. ‚Stimmt genau! Tomte ist scheiße!’ Sacht Gisbert drei Worte: ‚Kettcar ist scheiße!’ Ich so: ‚Jaaha, genau! Kettcar ist scheiße! Stimmt genau!’ Sacht Gisbert noch mal drei Worte: ‚Fettes Brot ist…’ Ach nee, sind vier! Gisbert sacht vier Worte: ‚Fettes Brot ist mittelscheiße.’ ‚Genau’, ich so. ‚Fettes Brot sind absolut mittelscheiße.’ Sacht Gisbert: ‚Ja, Moment. Fettes Brot sind gut:’ Sach ich: ‚Ganz genau, Gisbert. Die sind saugut.’ Ohh, Gisbert ist ein König“
„Na“, schmunzel ich etwas zu nüchtern. „Da hast du ja deinen Messias gefunden!“
„Ja, Messias. Sogar noch besser! Gisbert! Da sach ich zu Gisbert: ‚Gisbert, ich möchte dir körperliche Freuden bereiten.’ Da sacht er: ‚Na, da hab ich meine Frauen, die wollen das auch. Da steh ich irgendwie mehr drauf, aber du kannst mir einen Gefallen tun.’ ‚Was soll ich tun?’ ‚Geh auf den Berg…“ Er deutet auf einen Lehmhügel hinter den Duschkabinen. „ ‚ Geh auf den Berg und verkünde: Gisbert ist ein Gott!’ Und jetzt suche ich Jünger, die mit mir kommen! Wollt ihr mit mir kommen?“
„Ach, nee.“ Winke ich ab. „Außerdem finde ich Tomte ganz gut!“
„WAS!“ er sprang auf, als hätte ich ihm einen saftigen Arschtritt verpasst, drehte sich um und wieslte in einem erstaunlich zügigen Tempo murmelnd in Richtung Wald. „Verfickte Scheiße, blöde Dreckswichspimmel…“
Wir guckten ihm nach. Die kleine Frau zog an ihrer Zigarette und grinste mich an. „Kronloyal, was?“ Ich nickte und trank einen Schluck von meinem Bier
21.8.08 21:46


Zeugnisgeld

In Lernphasen sinken die Lebenserhaltungskosten auf ein erfreuliches Minimum!
Klingt absolut logisch. Man sitzt in der Bibliothek oder, wer sich traut, auch zu Hause, lernt den ganzen Tag, isst wenig und unterbricht diesen Ess-Lern-Rhythmus nur durch kostenfreie Schlafsequenzen. Das ist die billigste Zeit im ganzen Studium.
These bestätigt!

Falsch! Diese Waschfrauenrechnung hat einen kleinen aber ausschlaggebenden Fehler, was bedeutet, dass diese Phasen neben dem Urlaub die wohl teuersten im Studium sind.
Warum? Weil man sich die bescheuersten Gründe zu recht legt, um Investitionen zu tätigen, vor denen man sonst immer zu Recht zurückschreckte.
Das fängt schon damit an, dass ich nicht im Aldi einkaufe, sondern im Kaufpark, weil der näher ist (weniger Reisezeit = mehr Lernzeit) und die höheren Preis auch bessere Qualität suggerieren. Wenn das Gehirn auf Hochtouren läuft, muss der Körper optimal versorgt sein.
Sollte ein Lerntag erfreulich enden und ich ungefähr die Hälfte von dem geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe, dann ist auch erstmal Zeit für ein Bier. Sollte ich weniger schaffen, ist natürlich auch Zeit für ein Bier, wobei diesen dann eine andere psychologische Motivation erfährt. Und da gerade alle meine Leute in irgendwelchen Lernphasen strecken, alle eine ähnliche Strategie wie ich verfolgen und Gesellschaftsbier eh besser schmeckt, trifft man sich abends bei Kommandeur Matzek oder bei den Mädels. Kann man sich ja vorstellen, was das heißt.
Problematisch sind aber vor allem Motivations- oder Belohnungskäufe, die ich gerne in Plattenläden tätige. Entweder in Hamburg, wenn ich meine ganzen Bücher mal wieder zur kleinen Frau geschleppt habe oder auf meinem mittwöchlichen Weg zum Theater.
Letzten Mittwoch bin ich also rein in den Laden. Die Lichtschrankenbimmel trällert zum Empfang. Der Plattenmann hinterm Tresen schnieft kurz auf als hätte er einen Schnauzbart. Ich nicke zur Begrüßung. Er tut so, als hätte er das nicht gesehen. Vollidiot, denk ich.
Ich flapp ein bisschen in der Emo/Indie Ecke und guck kurz in Richtung DVD-Vitrine. Die Sigur Ros DVD fällt mir ein. Au ja, denk ich, das wäre eine feine Sache und genau das Richtige! Also rüber zum Tresen:
Ob sie die Sigur Ros DVD da hätten, frag ich den rasierten Schnauzbart.
Nee, ham wa nich mehr. Ach du scheiße, denk ich, einen auf Berliner machen. Das scheint momentan auch ein völlig abartiger Trend zu sein. Um seine Exitenz in dieser Provinzhauptstadt zu rechtfertigen, legen sich immer mehr gehypte Tattooboys Hamburger oder Berliner Dialekte zu, um zu signalisieren, dass sie ja eigentlich viel kosmopoliter seien und sich, wenn man es genau nähme, nur auf der Durchreise nach Paris oder New York befänden. Kurz Landluft schnuppern und dann weiter in die nächste Weltstadt, wie man es gewöhnt sei. Ich will mich gerade Richtung Türe drehen, da fällt der schlechten Laune hinterm Tresen was ein.
Er hätte da vielleicht etwas anderes für mich. Absolute Rarität! Riesen Schnäppchen.
Er kriecht um den Tresen herum und zieht mit einer schnellen Handbewegung und seinen vergilbten Fingern eine Kiste aus einem Fach über der DVD Vitrine. Zum Glück sind hier alle Waren eingeschweißt, denk ich und wunder mich noch über die agilen Bewegungen mit denen er nach seinem Angebot fischt.
Sigur Ros 4er LP Box. Unveröffentlichtes Material. Sauber verarbeitete Box. Spitzenmäßiges Layout. Er habe zwei von den Boxen. Gestern sei ein Holländer angereist extra für diese Box. Folglich habe er jetzt nur noch eine. Es gäb ja nur 200 weltweit. Das stünde auch im Netz, versichert er mir.
Ja, das klänge ja super, sag ich zu ihm. Was der Spass den kosten solle.
Alles habe seinen Preis, erklärt mir der Plattenmann. Ich solle doch berücksichtigen, dass die Stückzahl auf 200 begrenzt sei. Morgen wäre die Box bestimmt weg. Keine Frage. Ein einmaliges Angebot.
Ok, aber was müsse ich zahlen.
Zwo.
Wie Zwo? Zwanzig, oder was?
Quatsch, Mann. Zweihundert!
Klar! Ich tu unbeeindruckt. Ich würde mir das bis morgen noch mal überlegen, solange reiche mir erstmal diese Platte. Ich deute auf die neue Port O`Brien. Der Verkäufer rümpft die Nase. Ja, morgen könne es ja zu spät sein, schnauzt er. Außerdem zeige er diese Box auch nicht jedem.
Ah, na gut, entgegne ich, dann würde ich die Box aus Dankbarkeit jetzt doch mitnehmen.
Gut.
Das wäre ein Scherz gewesen. Ich hätte die letzten Tage zwar gelernt wie ein Chinese, aber das ginge dann doch nicht.
Grummelnd verstaut er die Box wieder in seinem Fach.
Ich bin dann Donnertag noch mal hin. Nur aus Interesse und aus Lernunlust. Ein anderer Verkäufer empfängt mich im Vergleich herzlich. Ich frage nach der Sigur Ros Box. Er guckt mich mit großen Augen an. Den Ladenhüter, fragt er ungläubig. Ich winke ab und deute auf die Fleet Foxes an der Wand. Ah, die solle es dann doch lieber sein. Er nickt. Ich nicke auch. Geil, 170 Euro gespart. Zur Belohnung geh ich heute noch mal. Ich hab mir die MGMT bestellt. Das wird ein Fest.
21.8.08 02:23


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